England: Folgen der Suez-Malaise: Lord-Präsident Salisbury, eine der Säulen der Konservativen Partei, legte aus Protest gegen die Freilassung des Erzbischofs von Zypern, Makarios, sein Amt nieder. Lord Salisbury war es, der zusammen mit Churchill und Eden der Königin Elizabeth Macmillan als Nachfolger Edens vorgeschlagen hatte. Sein Schritt hat wahrscheinlich tiefere Gründe, als nur die Zypernfrage. Die Suez-Krise hinterließ in England eine allgemeine Unzufriedenheit und Mißtrauen in die Regierungspolitik weit über die Reihen der eigentlichen Opposition hinaus. Zumindest indirekt war auch die Streikwelle, die auf ihrem Höhepunkt 1,7 Millionen Arbeiter umfaßte, eine Folge der Suez-Malaise. Hinzu kommt die Enttäuschung über Bermuda. Das magere Ergebnis dieser Konferenz war wahrscheinlich der Tropfen, der den Becher des Unmuts von Lord Salisbury überlaufen ließ.

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Suezkanal und Palästina-Flüchtlinge: Nasser erklärte den Suezkanal ab 10. April offiziell für wiedereröffnet. Israelischen Schiffen will er aber die Durchfahrt erst dann erlauben, wenn die Frage der 300 000 arabischen Palästina-Flüchtlinge in Ägypten und Jordanien geregelt ist. Israel wiederum bezeichnet jede Behinderung seiner Schiffahrt im Suezkanal und im Golf von Akaba als „Kriegshandlung“. Wie ernst diese Drohung gemeint ist – oder, ob sie nur ein Rückzugsgefecht darstellt, ist schwer zu sagen. jedenfalls bereitet sowohl Nassers wie Ben Gurions Unnachgiebigkeit den Friedensvermittlern der UNO noch immer große Sorgen.

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Bonn: Für und wider Atomwaffen: Die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen bezeichneten Bonner Regierungskreise als notwendig, weil man die deutschen und alliierten Truppen im Bundesgebiet nicht diskriminieren könne. Die Sozialdemokraten, deren Parteichef Ollenhauer sich zum erstenmal offen gegen Atomwaffen im Bundesgebiet aussprach und damit diese Frage zum Wahlkampfthema machte, meint, daß alle Möglichkeiten ausgenutzt werden müßten, um eine Abrüstungsvereinbarung zustandezubringen. In einem Atomkrieg mit Fernraketen seien Angriff und Vergeltung nur noch Sekunden voneinander getrennt, und Sicherheit durch eigene Atomwaffen sei unter solchen Bedingungen eine Utopie.

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Polen braucht den Westen: Die amerikanische Regierung versprach den polnischen Unterhändlern in Washington Finanzhilfe in Höhe von 75 Millionen Dollar. Polens Wünsche bewegen sich in der Größenordnung von 300 Millionen. Die unerbittlichen Kommunistenfeinde im amerikanischen Kongreß können aber durch Verweigerung ihrer Zustimmung auch durch das 75-Millionen-Abkommen noch einen Strich machen. – Zur Erschließung zusätzlicher Kohlenlager in Oberschlesien wünscht Polen auch deutsche und französische Finanzhilfe. Ein Entschluß hierüber wurde bisher weder in Bonn noch in Paris gefaßt. Europa braucht zwar polnische Kohle ebenso nötig wie Polen europäische Finanzhilfe, aber will Westeuropa und gestattet Moskau, daß Polen auf diese Weise so etwas wie ein stiller Partner der Montan-Union wird?