Von Eka v. Merveldt

Zu dem städtebaulichen Wettbewerb „Hauptstadt Berlin“, der vom Deutschen Bundestag im 26. Oktober 1955 beschlossen und jetzt ausgeschrieben wurde, sind „alle in Europa lebenden Architekten und Städtebauer sowie solche außereuropäischen Architekten und Städtebauer, die in Deutschland geboren sind“, zugelassen. „Europa“, so betont eine Denkschrift aus diesem Anlaß, „sei nach dem allgemeinen geographischen Begriff verstanden. Russen, die am Ural wohnen, sind also nicht aufgefordert. Überhaupt keine Russen.

„Die materielle Aufgabe des Wettbewerbes“, so wird in der Ausschreibung hervorgehoben, „ist der Neuaufbau der durch den Krieg zerstörten Miete Berlins; seine geistige Aufgabe ist die Formung dieser Mitte zu einem sichtbaren Ausdruck der Hauptstadt Deutschlands und zu einer modernen Weltstadt.“ Zu den Baumeistern, die besonders eingeladen wurden, an diesem Wettbewerb zum Aufbau, der City der Hauptstadt im wiedervereinigten Deutschland teilzunehmen, gehören der Architekt Le Corbusier (Paris), Prof. Scharoun (Berlin) und der Pole Adolf Ciborowski (Warschau), im ganzen acht Ausländer und ein Deutscher. Sie alle werden also, wenn sie sich demnächst an diese Aufgabe machen, die Wiedervereinigung zumindest Berlins als schon vollzogen ansehen und in dem Wettbewerbsgebiet, das sich vom Brandenburger Tor im Westen bis zum Alexanderplatz im Osten, vom Oranienburger Tor im Norden bis zum Mehringplatz (ehemals Belle-Alliance-Platz) im Süden erstreckt, das Zentrum der alten und zukünftigen Hauptstadt Deutschlands so formen, daß es die politischen Einrichtungen für den Sitz der Regierung (Amtssitz des Staatspräsidenten, Parlamentsgebäude, Amtssitz des Kanzlers, Ministerien und so weiter), die Einrichtungen des Landes und der Stadtgemeinde Berlin (Rathaus und so weiter), kulturelle und wirtschaftliche Einrichtungen enthält. In der Tatsache, daß dieses Gebiet so weithin zerstört ist und bisher nicht wiederaufgebaut wurde, liegt die Chance, hier ein modernes weltstädtisches Zentrum zu schaffen. Es gilt, diese Chance zu nutzen, die in anderen übereilt wiederaufgebauten deutschen Städten vertan wurde.

Da die Straßen für den Verkehr verbreitert, die erforderlichen Flächen für Parkraum freigehalten werden müssen, da überdies die Bebauung weniger dicht als früher und mit Grünflächen vorgesehen ist, wird gegenüber dem früheren Zustand in diesem Stadtkern eine wesentliche Veränderung erstrebt: Der Raum, den Unternehmen der industriellen und gewerblichen Produktion künftig einnehmen, soll nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Das heißt, dieses Herz Berlins, der politische, kulturelle und wirtschaftliche Mittelpunkt des Landes, soll nach den Wettbewerbsbedingungen in erster Linie eine Ansammlung von Repräsentations- und Bürohäusern werden, wobei als kulturelle Einrichtungen außer Universität und Akademien (der Künste, der Wissenschaften), Museen und Theater auch ein Haus des Fremdenverkehrs, Varietés, ein Haus der Presse und verschiedene Kirchen ( so die Reihenfolge in der Ausschreibung) vorgesehen sind.

Der erste Preisträger dieses Wettbewerbs „Hauptstadt Berlin“, für den der Deutsche Bundestag 350 000 DM zur Verfügung gestellt hat, erhält einen Preis von 30 000 DM. Bis zum 30. November 1957 sollen die Pläne für den Wiederaufbau der Berliner City vorliegen. Zur Jury gehören unter den elf Fachpreisrichtern der finnische Architekt Alvar Aalto, Prof. Bartning (Darmstadt), Prof. Gropius (USA), Prof. Werner Hebebrand, Oberbaudirektor in Hamburg, Prof Rudolf Hillebrecht, Stadtbaurat in Hannover, und Hans Stephan, Senatsbaudirektor Berlin; zu den sechs Sachpreisrichtern zählen die Bundesminister für Wohnungsbau und für Gesamtdeutsche Fragen, der Berliner Bürgermeister, der Senator für Bau- und Wohnungswesen Berlin. Preisrichter aus dem Ostsektor Berlins werden nicht hinzugezogen. Das ist politisch einwandfrei. Der Westberliner Senat hat bisher jede offizielle Kontaktaufnahme der beiden Stadtverwaltungen abgelehnt, weil er die Ostberliner Verwaltung nicht anerkennt, da sie ja nicht ordnungsgemäß gewählt wurde. Die Stadtplaner und Architekten auf beiden Seiten der Sektorengrenze haben in stiller Übereinkunft von sich aus bisher alles vermieden, was die Spaltung Berlins auch städtebaulich sichtbar machen könnte.

Es fragt sich, ob der in Westberlin ausgeschriebene Wettbewerb, der sich auf Gebiete im Ostsektor erstreckt und für die Wiedervereinigung gedacht ist, die vorhandene politische Spaltung zunächst krasser sichtbar machen wird.

Im Ostsektor Berlins, wo zum erstenmal für den Aufbauplan eines Gebiets im Stadtbezirk Lichtenberg auch westdeutsche Architekten zu einem Wettbewerb aufgefordert wurden, den der Hamburger Architekt Prof. Ernst May gewann, machte bei der Preisverteilung der stellvertretende Bürgermeister Waldemar Schmidt ausfallende Bemerkungen nicht nur gegen den Westberliner City-Wettbewerb, der sich „unbekümmert auf sowjetzonales Hoheitsgebiet“ ausdehne, sondern in der immer noch üblichen Ausdrucksweise östlicher Funktionäre auch gegen Bonn und Adenauer. Die anwesenden westdeutschen Preisträger und Preisrichter – in diesem Wettbewerk „Umgebung Fennpfuhl“ waren nicht nur westdeutsche Architekten beteiligt, sondern auch die Jury setzte sich aus zwei westlichen (Prof. Hillebrecht und Prof. Hebebrandt) und zwei Ostberliner Preisrichtern (Chefarchitekt Ostberlins Prof. Henselmann und Prof. Collein) zusammen – hörten betreten zu und empfanden diese Ausführungen in der allgemeinen Atmosphäre guten Einvernehmens der Fachleute untereinander als peinlich. Der Wettbewerb „Umgebung Fennpfuhl“ nämlich, so genannt nach einem kleinen Tümpel inmitten einer Behelsheimsiedlung in Lichtenberg, die abgerissen und mit Wohnungen für 20 000 Menschen neu bebaut werden soll, hatte erfreulicherweise ergeben, daß der Trennungsstrich zwischen den Architekten aus den beiden Teilen Deutschlands sehr viel dünner geworden ist. Die eingereichten Arbeiten der Teilnehmer, die Kennnummern trugen, waren nicht ohne weiteres voneinander zu unterscheiden, wie es noch zur Zeit, als die Stalinallee entstand und der „soziale Realismus“ das Schlagwort war, sehr leicht gewesen wäre. Die Architekten in der Sowjetzone beginnen mit denen der westlichen Welt Schritt zu halten, und wenigstens das ist ein Lichtblick, da nun nicht mehr die Gefahr besteht, daß, wenn die Wiedervereinigung endlich erreicht sein wird, die Merkmale der Spaltung sich in der Architektur der wiederaufgebauten Städte sichtbar erhalten.