btw., Hamburg

Ich glaube, niemand, der sich noch ein Herz für Natur und Landschaft bewahrt hat und mitansehen muß, mit welcher Barbarei das Natürliche in der Natur verschandelt wird, mit welchem Vandalismus tagtäglich Schlachten gegen die Landschaft geschlagen (und von allen Steuerzahlern verloren) werden, kann ohne Zorn davon sprechen. Er steht gegen eine Mauer aus Unwissenheit, gegen die Beziehungslosigkeit des Städters zur Natur.

Wie sieht es aus, wie geht es zu? Ein Vorfrühlingstag am Oberlauf der Alster. Es ist die Stunde nach dem späten Frühstück, da der Städter gern sein Auto irgendwo parkt und ein Stündchen oder auch länger spazierengeht, um etwas gute Luft zu schnappen und dem Etagenhund einen Auslauf zu gönnen. Die Dame, die uns begegnet, trippelt auf hohen Stöckelschuhen, von ihrem Hündchen umbellt, wohl ebenfalls ihrem Auto zu.

Sie strahlt, sie hat schon etwas Natur erobert, oder ihr eleganter Begleiter hat es für sie getan: Kätzchen. Nicht etwa zwei oder drei Zweige, sondern einen ganzen Arm voll. Ob man ihr begreiflich machen könnte, daß sie eine Untat begangen hat, ein Verbrechen an den Bienen, die so dringend auf diese Kätzchen als ihre erste Frühjahrsnahrung angewiesen sind, zumindest aber einen Akt der fahrlässigsten und gröbsten Dummheit? Ob es ihr Eindruck machen würde, daß sie eine Verordnung (in Hamburg des Denkmalsschutzamtes von 1927 und 1930) übertreten hat, die diese zarten Geschöpfe Florens vor der Willkür törichter Menschen sichern möchte?

Ich sehe niemanden, der es ihr zu sagen wagte. Auch ich selbst, o Feigheit, reagierte erst, als es schon zu spät war. Aber neidische Blicke sah ich ...

Kinder erweisen sich am ehesten als belehrbar. Schlimmer sind die Halbwüchsigen. Ich mache die allgemeine Mode, sie unentwegt in Schutz zu nehmen, nicht mehr so uneingeschränkt mit, seitdem ich den vergeblichen Versuch gemacht habe, fünf Rowdys die Sinnlosigkeit einer Zerstörung klarzumachen. Sie waren gerade heftig und mit Lust dabei, die Drahtumzäunung niederzutrampeln, die Gartenarbeiter erst tags zuvor zum Schutz einer jungen Rasensaat angebracht hatten, als ich dazutrat. Obwohl ich ohne Schimpfen darauf hinwies, daß diese kommende Grünfläche ja auch ihnen gehöre und von ihnen mitbezahlt werde, mußte ich sehr bald das Feld räumen, sonst wären sie über mich hergefallen.

Da gibt es Wandervereine und Klubs von Naturfreunden und solchen, die sich aufmachen, den Vogelstimmen zu lauschen. Tausende von braven Schrebergärtnern und leidenschaftlichen Amateuren sind damit beschäftigt, ein paar Quadratmeter Vorgarten in kleine Paradiese zu verwandeln. Und wie sieht es in den öffentlichen Parks aus? Im berühmten Alstertal findet man auf Schritt und Tritt mißhandelte Bäume, geknickte Zweige, niedergetretene Einfriedigungen. Der Angriff der lufthungrigen Städter gegen die Natur wird vor allem mit Papier vorgetragen. Auf einigen hundert Metern Alsterwanderweg könnte man ganze Körbe davon einsammeln; Zigarettenschachteln, Schokoladenhüllen, zerfetzte Pralinen- und Keksschachteln, ganze Zeitungen. Und zu diesem siegreichen Gesudel gesellt sich noch ein Zivilisationsmüll, den man gesehen haben muß, um zu fassen, daß brave Bürger sicherlich ordentlicher Haushalte derlei in die Landschaft befördern: verrostete Dosen, zerbrochene und heile Flaschen, Töpfe, vermoderte Pappkoffer, Stoffreste.