Unabhängig von der noch umstrittenen Frage, ob die Automatisierung schlagartig größere Freisetzungen von Arbeitskräften bringen wird oder nicht, muß bei fortschreitender Automation mit personellen „Umsetzungen“ innerhalb des Betriebs gerechnet werden. Wird sich in einem solchen Fall für alle Betroffenen eine annehmbare Regelung finden lassen, auch für ältere Arbeitskräfte? In Barsinghausen, in der Nähe von Hannover, verlieren jetzt rund zweitausend Bergarbeiter ihren alten Arbeitsplatz, weil die Preußag diesen Kohlenbergbau wegen der Erschöpfung der Vorkommen stillegt. Wenn es sich hier auch nicht um Folgen einer Automatisierung handelt, so bietet sich doch ein recht anschauliches Beispiel für die „Umsetzung“ einer großen Zahl von Arbeitskräften.

Bei einer Befragung erklärten sich einige freiwerdende Arbeitskräfte bereit, künftig in der Motorenteile-Produktion einer Frankfurter Firma zu arbeiten, die in Barsinghausen ein Zweigwerk errichtet. Sie mußten von der schweren und groben Arbeit des Bergmannes auf eine Fertigung umgeschult werden, die ungewöhnliche Präzision verlangt. Der bisherige Erfolg der Umschulung hat alle Erwartungen übertroffen. Von etwa dreihundert Umgeschulten wurden nur zwei als ungeeignet abgelehnt. Der Erfolg ist um so höher zu bewerten, als die meisten „Umschüler“ zwischen 35 und 45 Jahre alt sind.

Über Art und Weise dieser erfolgreichen und beispielhaften Umschulung berichtete uns Direktor H. Stein von der Alfred Teves KG., Frankfurt. Es geht da um vier Maßnahmen: Arbeit in der Umschulungswerkstatt, theoretische Schulung, Spezialausbildung und „Filmschulung“. Da die Umschulungswerkstatt in behelfsmäßigen Räumen des Steinkohlenbergwerkes eingerichtet werden mußte, konnten hier jeweils nur 50 Bergleute für einen Monat auf ihre künftige Arbeit vorbereitet werden. Schon nach einer kurzen einführenden Tätigkeit am Schraubstock fertigten die „Umschüler“ ein Prüfstück nach Zeichnung an. Die recht unterschiedlich ausfallenden Prüfstücke gestatteten den Ausbildenden, die Umschüler in drei Gruppen zu unterteilen: in solche, die nur für gröbere Arbeit geeignet sind, in andere für normale Genauigkeiten und in dritte, die Auge und Fingerspitzengefühl für Präzision haben. Nach Anfertigung dieses Prüfstückes kamen die Umschüler an die auch später von ihnen zu bedienenden Werkzeugmaschinen. Man hält in Barsinghausen nicht viel vom reinen Zuschauen. Kein Mensch könne acht Stunden lang intensiv einem anderen auf die Hände sehen, meinen die Ausbilder. Freilich gingen im Anfang viele Werkstücke zu Bruch, daher begannen die Umschüler auch mit der Arbeit an Ausschußstücken aus der Produktion des Hauptwerkes.

Die praktische Umschulung wurde durch eine theoretische Schulung ergänzt, die in täglich zwei Kurzstunden durch zwei Gewerbeoberlehrer einer Berufsschule für Metallarbeiter erfolgte. Hier wurde vor allem versucht, das Verständnis der Bergleute für ihre neue Arbeit zu wecken. Man brachte ihnen die Zusammenhänge, zeigte zum Beispiel, warum Zylinderlaufbuchsen und Kolbenringe so präzise gearbeitet sein müssen. Direktor Stein sagte: „Wir wollen uns nicht stumpf sinnige Arbeitstiere, sondern mitfühlende und mitdenkende Mitarbeiter heranziehen, die durch besseres Verständnis der Zusammenhänge den Sinn ihrer Arbeit begreifen.“