Von H. Schmökel

Über archäologische Grabungen im Heiligen Lande liegt – trotz der gerade hier so häufigen Enttäuschungen – immer wieder eine seltsame und fast andächtige Spannung. Könnte es nicht sein, daß an dem gewählten Platz eine der vertrauten biblischen Gestalten Zeugnisse ihres Wesens und Wirkens hinterlassen hätte, daß vielleicht die Reliquien eines der großen Propheten, die Briefe oder Verträge der berühmten Könige Israels hier ans Licht kämen?

Schon der englische Archäologe J. Garstang hatte den umfangreichen Trümmerhügel Teil el-Qedah – zwischen Hule-See und dem „Galiläischen Meer“ auf der Westseite des Jordan gelegen – mit dem biblischen Hazor, dem „Haupt aller jener „kanaanäischen Königreiche“, wie es im Buche Josua heißt, identifiziert, und hier fanden 1955 und 1956 israelisch-amerikanische Grabungen statt, die hervorragende Ergebnisse zeitigten. Der Ort war mit Bedacht gewählt: keilschriftliche, ägyptische und biblische Quellen nennen ihn als strategisch und kommerziell wichtigen Platz. Die Handelsmetropole Mari am Euphrat unterhielt um 1700 – über tausend Kilometer hinweg – Beziehungen zu ihn, die Pharaonen der 18. und 19. Dynastie legten auf seinen Besitz größten Wert, unter den Amarnatafeln erscheint ein Brief seines Fürsten, Josua eroberte ihn, und unter den Städten, in denen Salono baute, wird auch Hazor genannt.

Bereits die ersten zwei Grabungen haben die Erwartungen großenteils erfüllt. Die Siedlung erwes sich als von großer Mächtigkeit; sie bedeckte im 2. Jahrtausend v. Chr. an die 200 Morgen. Für die Chronologie wichtig war die Erkenntnis, daß die letzte kanaanäische Stadt im 13. Jahrhundert durch Feuer zerstört wurde; damit ist der biblische Bericht von Josua 11, 10–13, voll bestätigt.

Das vorisraelitische Hazor ließ sich bis zur ältesten, auf dem gewachsenen Boden erbauten Siedlung des 18./17. Jahrhunderts verfolgen. Mächtige steinerne Stützwände sicherten seine Mauern. Unter den Häusern fanden sich Dutzende von Kinderbestattungen; sie künden von einem großen Kindersterben, das eine Seuche einst über den Ort brachte. Auch diese Stadt ist einem Großbrand zum Opfer gefallen. Aber die Stadt würde erneut aufgebaut, und aus dem 13. Jahrhundert konnten viel: Zeugnisse wieder ans Licht geholt werden. Von besonderer Bedeutung war die Aufdeckung eines von Vorratsräumen und Werkstätten umgebenen Heiligtums mit seinem Allerheiligsten. Eine der geöffneten Kammern war mit wahllos übereinanderliegenden Kultstelen angefüllt. In den Werkstätten der Nachbarschaft fand sich der Arbeitsraum eines Töpfers mit einer zweiteiligen steinernen Töpferscheibe in situ und dem offenbar letzten Werk des Meisters vor der Zerstörung der Stadt – einer schönen tönernen Kultmaske, die völlig unbeschädigt im Schutt lag, an der sogar die Löcher zum Befestigen vor dem Gesicht nicht fehlten. Der schönste Fund aber war eine scheibenförmige Kultstandarte aus Bronze, die auf der silberbelegten Vorderseite eine Schlangengottheit zeigte.

Auch an einem anderen Abschnitt des Grabungsfeldes erreichte man die kanaanäische Stadt, und hier stießen die Ausgräber auf ein weiteres Heiligtum, dem man durch das aus dem Boden herausragende Stück eines monolithischen, fünf Tonnen schweren Altars auf die Spur kam. Er stand – wesentlich älteren Ursprungs – im 13. Jahrhundert in der Mitte eines offenen Hofes.

Das Verteidigungsbedürfnis lenkte die Blicke der isarelitischen Könige vom 10. Jahrhundert an erneut auf die einstige Kanaanäerfeste. Das freigelegte Stück einer kasemattierten Stadtmauer datiert sich auf Salomos Zeit, und unter den Resten der hellenistischen, persischen und assyrischen Burg traf man auf die israelitische Zitadelle von viereckigem Grundriß. Sie war mit ihren zwei Meter dicken Mauern, deren Fundamente drei Meter tief in die Erde gesenkt sind, von solcher Mächtigkeit, daß sie nur von den bereits länger bekannten Palastbauten Samarias – seit König Omri Israels Hauptstadt – übertroffen wird. Im 9. Jahrhundert wurde die Stadt von einem großen öffentlichen Gebäude überragt, das gänzlich freigelegt werden konnte und unter Ahab und seinen Nachfolgern mit seiner Doppelreihe von Säulen wohl als Magazin diente: wir hören in 2. Chron. 16, 4, daß Benhadad von Damaskus die „Vorratshäuser in den Städten Naphthalis“ zerstörte. Krüge und Scherben trugen israelitische Namen in altsemitischer Schrift, und unter diesen erscheint jenes Königs Pekach, der zunächst Adjutant Pekachjas war, dann aber seinen Herrn ermordete und sich selbst zum Herrscher Israels aufschwang. Es ist das erste Mal, daß so der Name eines israelitischen Königs im Bereich Galiläas bezeugt ist.