Am 30. März dieses Jahres suchten die Sowjetbürger in ihren Zeitungen vergebens einen Leitartikel. Statt dessen fanden sie die „Thesen des Vortrages des Genossen Chruschtschow“ – im Umfang von 18 bis 20 Leitartikeln – über „die weitere Vervollkommnung der Organisation der Führung von Industrie und Bauwesen Diese Thesen – siehe auch Ernst Halperins Bericht im politischen Teil der ZEIT – seien von so großer Bedeutung, daß nur der Oberste Sowjet in seiner nächsten Sitzungsperiode über sie entscheiden könnte. Vorerst aber möge das ganze Sowjetvolk über sie urteilen.

Vorsorglich heißt es zu Beginn, die Frage der grundsätzlichen Umgestaltung der Führung von Industrie und Bauwesen wäre nicht wegen irgendwelcher Unstimmigkeiten in der Produktion aufgeworfen worden, sondern man habe nunmehr eine Entwicklungsstufe erreicht, um den erzeugenden Kräften größere Entfaltungsmöglichkeiten geben zu können und der Initiative und schöpferischen Aktivität der werktätigen Massen freie Bahn zu schaffen. Aber es gäbe auch „schwerwiegende Mißstände“, die schleunigst beseitigt werden müssen – so vor allem die „amtlichen Barrieren“, die die natürliche Entwicklung der rund 200 000 Industriebetriebe und 100 000 Baustellen lähmen und zum Beispiel dahin führen, daß im Gebiet Swerdlowsk gegenwärtig 203 Bauämter im Auftrage von 30 Ministerien emsig auf sehr viel weniger Baustellen disponieren...

„Jetzt sollen die Schwerpunkte der operativen Führung von Industrie und Bauwesen näher an die Betriebe herangetragen werden.“ Zu diesem Zweck sollen sie nicht mehr durch Ministerien und Hauptämter geführt werden, d. h. durch Institutionen, die nach Produktionszweigen und Branchen aufgegliedert sind, sondern es sollen völlig neue Formen der Führung in Kraft treten, nämlich Institutionen, die auf Basis des Territorialprinzips geschaffen und „Volkswirtschaftsräte“ (abgekürzt: „Sownarchose“) genannt werden sollen. Geschehen werde das nach dem Leninprinzip des „demokratischen Zentralismus“. Damit werde der jetzigen „Nerasbericha“ (etwa: Unentwirrbarem Knäuel) ein Ende bereitet und die Hunderttausende von Angehörigen der nun überflüssig gewordenen Wirtschaftsministerien dem Produktionsprozeß zugeführt werden.

Die Sownarchose sollen je nach Massierung der industriellen Betriebe in den verschiedenen Ländereien eingesetzt und mit besonderen Rechten und Vollmachten ausgerüstet werden – also, sozusagen, Kern- und Schwerpunkte des Wirtschaftsgerüstes mit größten Dispositionsbefugnissen darstellen. In einem der nächsten Abschnitte wird dann freilich festgestellt, daß diese neue Form der Führung den verschiedenen Organisationen der Partei, der Sowjets (Verwaltungsinstanzen) und der Gewerkschaften noch mehr Rechte als bisher geben und deren Verantwortlichkeit für die wirtschaftliche Entwicklung steigern werde ... Hinsichtlich der Planungen sollen sich die Sownarchose in doppelter Abhängigkeit befinden: Von der Unions- und der zuständigen republikanischen Regierung ... Und schließlich wird festgelegt, daß das Hirn und der „eigentliche Schwerpunkt“ dieses ganzen neuen Systems der „Gosplan“ – die Staatsplanungsbehörde – sein wird: Er hat die Pläne der Sownarchose „zu korrigieren“ und die „rationelle Dislokation“ der Betriebe vorzunehmen.

Die Sowjetwirtschaft soll also auf eine neue Grundlage durch die Bildung regionaler „Volkswirtschaftsräte“ gestellt werden. Er scheint so, als ob die Etappe der Planwirtschaft, wie sie unter Stalin in straffer Zentralisation entwickelt worden ist, seinem Ende entgegengeht. Aber aus dem Studium des jetzt verkündeten Planes ist auch zu ersehen, daß von einer Haupt- und Schwerpunktfunktion der Träger des neuen Systems – als solche werden die Sownarchose bezeichnet – nur, begrenzt die Rede sein kann. Die wirkliche Führung jeder Instanz und jeden Betriebes wird in den Händen der zuständigen Parteiorganisation liegen. In der Praxis hat man allerdings schon öfters beobachten können, daß führende Wirtschaftler sich auf der ganzen Linie gegen indolente, schwächliche und allzu bequeme Parteileute durchzusetzen verstehen. Für solche Fälle dürfte es nach Einführung des neuen Systems ein gewisses Betätigungsfeld geben: Es heißt da nämlich in einem knappen, quasi beiläufigen Abschnitt, direkte vertragliche Beziehungen zwischen verbrauchenden und beliefernden Betrieben – „als zweckdienliche und wirtschaftlichste Art der Versorgung und des Absatzes“ – sollen entwickelt werden. Kurz darauf wird aber vor der Gefahr „potentieller autarker Tendenzen“ gewarnt und wiederum kategorisch gefordert: „Im Blickfeld der Partei-, Sowjet- und Gewerkschaftsorganisationen hat ständig das Aufdecken aller, gegen die gesamtstaatlichen Interessen gerichteter Tendenzen zu liegen.“ „Breiteste Volksmassen“ hätten im neuen Wirtschaftssystem an permanenten Kontrollen teilzunehmen ... Das neue Wirtschaftssystem wird am 7. Mai dem zu diesem Zweck einberufenen Obersten Sowjet vorgelegt werden. F. Dassel