Ein Dutzend Landesparteitage der CDU, SPD, der Deutschen Partei und des Gesamtdeutschen Blocks (BHE) boten am vergangenen Wochenende einen Vorgeschmack des Bundestagswahlkampfes. Die kleinen Parteien entfalteten dabei keinen geringeren Aufwand als die großen, nach dem Motto: wir sind auch noch da! Für den GB/BHE (Landesparteitage in Niedersachsen, Bayern, Hessen) formulierte das der wiedergewählte hessische Landesvorsitzende, Minister Gotthard Franke: „Die beiden großen Parteien CDU und SPD haben in den letzten Wochen wiederholt angedeutet, daß der Wahlkampf eine Sache ist, die unter ihnen auszumachen sei. Die kleinen Parteien... müssen dem Wähler verständlich machen, daß das Zweiparteiensystem für Deutschland eine unmögliche Sache ist; wer den Weg zur Diktatur wünscht, mag sich auf diesen Weg begeben...“

Die Redner des GB/BHE rechneten ihren Mitgliedern zwei besondere Chancen vor, diesmal über die bei der Bundestagswahl von 1953 erreichten 5,9 v. H. hinauszukommen: erstens die Erklärungen von Bundesratspräsident Sieveking, Professor Grewe und Außenminister von Brentano über mögliche Kompromisse in der Frage der Ostgebiete, zweitens die Auseinandersetzung zwischen Bundesinnenminister Schröder und dem Abgeordneten Wehner. Die Bereitschaft einzelner CDU- und SPD-Politiker, unter gewissen Umständen auf Teile Ostdeutschlands zu verzichten, werde die Heimatvertriebenen um so sicherer in die Arme des GB/BHE treiben, als dem Wähler auch noch das Schauspiel gehässiger Auseinandersetzungen zwischen den beiden großen Parteien – siehe Fall Wehner – geboten werde. Die BHE-Funktionäre glauben, die Wirkung dieser Dinge schon in den letzten Wochen aus einem bemerkenswerten Anstieg der Parteimitgliederzahl ablesen zu können. (Der Landesverband Hessen des Gesamtdeutschen Blocks rechnete vor einem Jahr Beiträge für rund 9000 Mitglieder ab, nach dem Stande vom 1. April dieses Jahres für 11 900 Mitglieder.)

Es würde sich nicht lohnen, diese Polemik zu registrieren, wenn nicht tatsächlich Anzeichen dafür vorhanden wären, daß sowohl der „Fall Wehner“ als auch einige Äußerungen zur Frage der deutschen Ostgebiete eine beträchtliche Anzahl von Menschen aufmerksam machten, die als potentielle CDU- oder SPD-Wähler anzusprechen sind. Ob dies nun gerade dem GB/BHE Auftrieb geben wird oder der FDP oder noch Heineren Parteien, ob der Ärger sich in Wahlenthaltungen niederschlagen oder ob er bald wieder überwunden sein wird, das ist gänzlich ungewiß. Aber es würde gewiß nichts schaden, wenn man sich in den beiden großen Parteien einige Sorge um diese Dinge machen würde... Dd