Ein Ärgernis wurde abgewaschen. Die 21 Heiligenfiguren im Hochchor der Lübecker Marienkirche sind über Nacht verschwunden. Arbeiter kamen in der Stille und machten Lübecks Glanz und Schande zu Wasser. Ein ungewöhnlich stiller letzter Akt nach einem ungewöhnlich lauten Schauspiel.

Der Hauptakteur sitzt einstweilen im Gefängnis, und das Zukuftsbild, das er sich dort in den rosigsten Farben ausmalt, ist vermutlich keine Fälschung. Wenn Lothar Malskat seine 18 Monate abgesessen hat, wird es ihm an Aufträgen nicht fehlen. In Schweden durfte er bereits, bevor er seine Strafe antrat, Proben seiner Kunst ablegen, und in Amerika wird man sich wenigstens eine Zeitlang um den Fälscher von Lübeck reißen. Und auch in Deutschland erfreut sich Malskat noch immer heimlicher und offener Sympathien. Man hält ihn für einen großen Künstler, für einen Wahrheitskämpfer, für einen Märtyrer ... Wer Malskats originale Produktion, seine bieder gemütvollen Heidelandschaften oder seine Illustrationen kennt, wird ihn freilich zu den unterdurchschnittlich begabten Malern rechnen. Er ist nicht das verhinderte Genie, das am Unverständnis der Zeitgenossen scheiterte. Auch nicht ein spätgeborener gotischer Meister, wie er es in schöner Bescheidenheit von sich behauptet. Seine vielgerühmte Fähigkeit des Nachempfindens hat er bei den falschen Renoirs und Chagalls, aber nicht in der Marienkirche bewiesen. Seine Heiligenfiguren sind weder freie Erfindungen noch Eingebungen gotischen Geistes. Sie halten sich peinlich genau an alte Vorbilder, und man hat im einzelnen nachgewiesen, welche kunsthistorischen Werke ihm als Vorlagen dienten. Und wer eine Lüge entlarvt, die er selber in die Welt gesetzt hat, kann doch wohl kaum den Titel eines Wahrheitsfanatikers für sich in Anspruch nehmen. Zum Märtyrer schließlich fehlt es Malskat nicht an Talent und Fanatismus, wohl aber an der Idee, um derentwillen er gelitten hätte. Unbefriedigter Ehrgeiz und Geltungssucht können gewiß pathologische Maße annehmen, ohne den Gepeinigten zum Märtyrer zu stempeln.

Aber was kann Malskat dafür, daß er kein Held, sondern eben nur ungemein geschickter Fälscher ist? Wäre er ein Held, so wäre sein Fall zu einer wirklichen Tragödie geworden. Wäre er nur ein Scharlatan, der, selber ein Kind der Klugheit, eben die Narren zum Narren hält, so hätte es eine reine Komödie gegeben. Daß schließlich doch noch so etwas wie eine Tragikomödie daraus geworden ist, verdankt die Affäre nicht der Person des Fälschers, sondern dem Ort der Handlung und den mitspielenden Chargen. Kein Dramatiker hätte sich das besser ausdenken können: eine Kathedrale, die zur 700-Jahr-Feier rüstet, eine würdige Geistlichkeit, die zur Ehre ihres Gotteshauses das Wunder erzwingen will, auf leerer Wand Bilder erscheinen zu lassen, und beide Augen zudrückt, wenn es bei diesem Wunder nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, die Schar der Kunstgelehrten, die das trügerisch Gezeugte nicht für echt, sondern für das Herrlichste erklären, was es in deutschen Landen zu bewundern gibt (ihnen vor allem, den genasführten Experten, galten verständlicherweise der frenetische und ironische Applaus des Publikums), eine hohe Regierung, die das Pech hat, Held Nummer zwei, Herrn Frey, das heißt den falschen Fälscher zu dekorieren, und damit ungewollt den Stein ins Rollen bringt... Der Stoff könnte zur Not so gar eine politische Satire abgeben. Auf eine restäurative Epoche, die selbst da noch restaurieren will, wo es nichts zu restaurieren gibt, und auf eine Gesellschaft, die in ihrer snobistischen Leidenschaft fürs Alte das Fälschertum provoziert: antike Möbel aus Passy und Gotik von Malskat.

Durch den Urteilsspruch des Lübecker Landgerichts wurde das Wunder von St. Marien zum „kirchlichen Ärgernis“. Immerhin hat sich die Kirchenleitung reichlich zwei Jahre Zeit gelassen, um über das Schicksal der falschen Heiligen zu befinden. Der Entschluß, sie einfach abzuwaschen, ist ihr angesichts der zahllosen Kirchenbesucher, die aus was für Gründen immer die echten Malskats sehen wollten, gewiß nicht leicht gefallen. Es bleibt eine leere Wand und ein herrlicher literarischer Stoff. Ob die Wand freilich für immer leer bleibt, ist eine andere Frage. Man denkt daran, sie neu bemalen zu lassen. Aber diesmal nicht von Malskat. Vielleicht könnte man, um das Projekt zu finanzieren, alle Kunsthändler heranziehen, die von Malskat profitierten. Honny soit, qui mal y pense ... s.