In diesem Dorfe steht das letzte Haus so einsam wie das letzte Haus der Welt“ singt Rilkes Stundenbuch. Dort, wo Dorfrand und Weltrand ineinander übergehen, ist auch Fritz Hochwälders „Herberge“ daheim; ein Dorfwirtshaus im Osten – irgendwo. So unbestimmt Hochwälders Drama auch in seinem Milieu ist, so bestimmt ist es in seiner geistigen Fragestellung. Bei seiner Uraufführung im Wiener Burgtheater entpuppte es sich als ein Denkspiel – was niemand, der den Weg dieses heute wohl wichtigsten österreichischen Dramatikers verfolgt hat, überraschen dürfte. Denn Denkspiele waren im Grunde schon Das heilige Experiment, waren Hotel de Commerce und Donadieu.

In dem letzten Haus im Dorf kehrt in einer frostklirrenden Winternacht der reiche Wucherer Berullis mit seinem tölpelhaften Fuhrmann Andusz ein. Er trägt eine Kassette voll Dukaten mit sich, für die er morgen einem in Not geratenen Bauern Haus und Hof abschachern will. Der Fuhrknecht aber läßt, von der hübschen Wirtstochter angelockt, die Kassette im Stich, und der Liebhaber jenes Mädchens stiehlt sie. Mehr als zwei Akte sind dann der Aufklärung jenes Verbrechens, auf dem der Tod steht, gewidmet. Da findet man die Kassette im Heu und verdächtigt sogleich einen Pilger, der danebengelegen hatte. Erst wie es diesem an den Leib gehen soll, entschließt sich der junge Liebhaber der Wirtstochter zu einem Geständnis. Da aber hat der Bestohlene längst alles Interesse daran verloren, den Dieb hängen zu sehen, den in dem jungen Burschen erkennt er den Sohn jenes Mannes, dem er selbst einmal tausend Goldstücke gestohlen hat – jenes Geld, mit dem er später seinen Reichtum aufgebaut hat. Zum Galgen aber schleppt man den Fuhrmann Andusz, der sich im Laufe der Untersuchung als ein Lustmörder entpuppt hat, der seine Schuld längst vergessen glaubte, immer aber getrieben wurde von dem Drang, jenes verborgene Verbrechen zu büßen.

Zwischen dem Buchstaben des Gesetzes und dem „Rechte, das mit uns geboren“, verläuft die Spannung dieses Stückes. In dem Kerndialog, da der bestohlene Wucherer vom Amtmann Gerechtigkeit fordert, erwidert ihm dieser, wenn es Gerechtigkeit gäbe, dann hätte gerade er, der Wucherer, wenig zu hoffen: „Da es aber keine Gerechtigkeit gibt, muß Ordnung herrschen. Besser, zehn Unschuldige sterben, als daß ein Schuldiger davonkommt. Sei unbesorgt, Makler, die Ordnung schützt dich.“ Zwischen Gerechtigkeit und Ordnung verläuft die eine Front, Zwischen leidenschaftlichem Aufbegehren und kühler Ratio die andere.

In dem irrealen Raum, in dem Hochwälder sein Spiel von Schuld und Sühne entwickelt, werden die Figuren ‚ bald zu abstrakten Symbolen, nähert sich das Drama dem Mysterienspiel. Wie eine Balzac-Novelle hebt dieses Geschehen an, und Dostojewskij klingt durch das Grundproblem. Das unverwechselbar Hochwälderische an diesem Werk aber ist dieser gleichgewichtige Aufmarsch von Gut und Böse, dieses Gegeneinander von Schwarz und Weiß, bei dem beide Parteien gleich gute Argumente vorzubringen haben. Es ist, als sitze der Autor gleichzeitig an beiden Enden eines Schachtisches und spiele eine Partie gegen sich selbst. Dieses Werk ist bis aufs Minutiöseste durchkonstruiert. Hart und knapp ist die Sprache dieser Menschen: bei ihrer stichwortartigen Kürze stand der deutsche Expressionismus Pate. Daß die Gestalten dennoch nie zu bloßen Schemen eines Denkspielers werden, liegt an der mystischen Substanz, mit der sie randvoll angefüllt sind. Hinter die Vordergründigkeit des Geschehens schwingt ein Hintergrund von archaischen Schuldkomplexen mit. Die Menschen – in ihrem rein menschlichen Schicksal aber unbestimmbar und überhöht – werden zu überzeitlichen Symbolen, die Herberge selbst zu einem magischen Schauplatz, einem kleinen Welttheater hinter dem großen Dorf.

Im Burgtheater hatte Josef Gielens Regie das Stück völlig ins Symbolische, Mysterienhafte übertragen. Die stärkste Wirkung des Abends ging von Attila Hörbiger aus, der (die Maske bis zur Unkenntlichkeit treibend) den Fuhrmann Andusz als ein getretenes Stück Kreatur ungemein ergreifend auf die Bretter stellte. Ein wenig hart war der Wucherer Hanns Ernst Jägers geraten. Ein scharf konturierter Amtmann wurde von Fred Hennings in eisige Bezirke transponiert. Das junge Paar geriet bei Inge Brückelmeier und Alexander Trojan eher konventionell. Josef Meinrad aber bot als geldgieriger, versoffener Sargtischler eine makabre Episode, die zu meinen besten Leistungen gehört. So konnte Fritz Hochwälder am Ende nicht nur mit seiner Premiere zufrieden sein, sondern auch mit dem Applaus, der überaus herzliche Formen annahm. Otto F. Beer