Von Heinz Kersten

Als einem der bedeutendsten Denker der kommunistischen Welt, dem heute 71jährigen Professor Ernst Bloch, im Oktober 1955 der von ihm langersehnte Pankower Nationalpreis II. Klasse verliehen wurde, geschah das, laut offizieller Begründung, „für seine philosophischen Werke der letzten Jahre, die eine tiefdringende Analyse und Interpretation der Welt mit einer progressiven Einstellung verbinden“. Als der so Ausgezeichnete im März 1957 zwangsweise emeritiert wurde, bescheinigte ihm sein alter Gegner, Professor Rugard Otto Gropp, in einem von der FD J-Studentenzeitschrift „Forum“ quasi als Epilog veröffentlichten Aufsatz, seine Philosophie gebe „eine ideologische Grundlage für Überheblichkeit, Besserwissen dem Marxismus gegenüber, für seine ideologische Unterhöhlung und für eine zersetzende ‚Kritik‘ an unserer Gesellschafts- und Staatsordnung“. Blochs Weg liefert nach dem Fall seines Freundes Georg Lukacs erneut ein eklatantes Beispiel für die verblendete Haltung des Undanks der östlichen Machthaber gegenüber ihren besten Köpfen.

Schon in seinen ersten Werken „Vom Geist der Utopie“ (1918) und „Thomas Münzer als Theologe der Revolution“ (1922), zeigte sich die Neigung des Sohnes einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Schwaben für den sozialen Zukunftsstaat. Scharfsinnige Analysen des Phänomens Faschismus und seiner geistigen’ Wegbereiter in „Durch den Geist der Wüste“ und „Erbschaft der Zeit“ sowie eine stilkritische Polemik gegen „Mein Kampf“ unter dem Titel „Der deutsche Schulaufsatz“ machten Bloch den braunen Volksverführern so verhaßt, daß sie ihn 1933 ausbürgerten, steckbrieflich verfolgten und seine Bücher verbrannten. Er ging nach Zürich. Paris und Prag waren weitere Stationen seines diesmal unfreiwilligen Exils – schon vorher hatte er lange in Frankreich und Italien gelebt –, bis er 1938 in den USA landete, wo der Philosoph als Tellerwäscher an der Harvard-Universität begann. Später konnte er sich jedoch wieder einer ihm gemäßeren Tätigkeit zuwenden. Während des Krieges wirkte Bloch publizistisch gegen den Nazismus und gründete mit Brecht, Döblin, Feuchtwanger, Herzfelde und Heinrich Mann den Aurora-Verlag. 1946 kam in New York sein Buch „Freiheit und Ordnung“ heraus, in dem er sich wieder mit den Sozialutopien beschäftigte und zu dem Schluß gelangte: „Die Wurzel der Geschichte ist der arbeitende Mensch; hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, worin noch niemand war: Heimat“.

Zwei Jahre später glaubte – Bloch dort eine Heimat finden zu können, wo man vorgab, eine „reale Demokratie“ aufzubauen. Er folgte einem Ruf an die Universität Leipzig, deren Seminar für Geschichte der Philosophie unter ihm zum führenden Lehrstuhl dieser Disziplin in der Zone wurde. Der den Machthabern als kulturelles Aushängeschild Willkommene schien sich ihrer ideologischen Linie anfangs recht gut anzupassen, aber bald wurde klar, daß die seiner Labilität entspringende Konzessionsbereitschaft nicht so weit ging, sich in wissenschaftlichen Aussagen der Parteidisziplin zu unterwerfen. Deshalb lehnte Bloch es auch ab, der SED beizutreten. Deren Gefolgsleuten mißfiel besonders, daß er seine Studenten stets zu intensiver Beschäftigung mit den Originaltexten der von ihm behandelten Philosophen anhielt.

Blochs Widersacher, angeführt von dem Leipziger Ordinarius für dialektischen Materialismus und Vertrauensmann der Partei, Professor Gropp, nahmen das Erscheinen der deutschen Ausgabe seiner bereits in Mexiko verlegten Hegel-Interpretation „Subjekt – Objekt“ zum Anlaß heftiger Attacken gegen den „Abweichler“, die auf einer vom ZK der SED 1954 einberufenen Philosophenkonferenz in Babelsberg ihren Höhepunkt fanden, in deren Verlauf auch der kürzlich verurteilte Wolfgang Harich im Mittelpunkt der Angriffe orthodoxer Marxisten stand. Damals konnte der für Wissenschaft und Hochschulen verantwortliche Sekretär des ZK, Professor Kurt Hager, seinen schwäbischen Landsmann noch in Schutz nehmen. Der erhielt ein Jahr später, zu seinem 70. Geburtstag am 8. Juli, sogar einen „Vaterländischen Verdienstorden“ in Silber, und wahrscheinlich würde er noch heute vor den ihn verehrenden Studenten auf dem Katheder stehen, wenn nicht die durch Polen und Ungarn sichtbar gewordene Krise des Weltkommunismus Ulbrichts Angst vor den seine Machtposition bedrohenden revisionistischen Tendenzen zu einer Art von ideologischem Verfolgungswahn gesteigert hätte.

Bloch gehörte zu den Intellektuellen der Zone, die die Entstalinisierung ernst nahmen und einer Entdogmatisierung des Marxismus das Wort redeten. Der mit Harichs Verhaftung begonnene Generalangriff des Ersten Sekretärs der SED auf diese unbequemen Elemente mußte sich also auch gegen ihn richten. Wieder machte sich Gropp zum Sprachrohr der Parteispitze und eröffnete am 19. Dezember 1956 im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ die Anti-Bloch-Kampagne.

Als „Aufhänger“ für die Attacken dient Blochs Kritikern der „Mystizismus“ und „Idealismus“ seines seit 1955 in bisher zwei Bänden erschienenen Hauptwerkes „Das Prinzip Hoffnung“. Bloch selbst betrachtet es als progressive Umkehrung von Heideggers auf dem Angst-Prinzip aufgebauter Philosophie und bezeichnet ein „besseres Leben“ als Ziel allen Wünschens und Hoffens der von Trieben bestimmten Menschen. Am Ende des in seinem „Kern“ noch nicht bestimmbaren Weltprozesses wird dann ein Zustand der „Freiheit“ und „absoluten Wahrheit“ eintreten.