Verständlicherweise müssen derartige Gedankengänge orthodoxen Marxisten-Leninisten höchst suspekt erscheinen. Wie das Harich-Urteil soll Blochs Kaltstellung eine Warnung an die "Nationalkommunisten" der Zone sein. Der des Revisionismus beschuldigte SED-Wirtschaftstheoretiker Professor Fritz Behrens und der wegen nonkonformistischer Äußerungen zur literarischen Situation in letzter Zeit ebenfalls wiederholt angegriffene namhafte Leipziger Literaturhistoriker Professor Hans Mayer sind mit Bloch befreundet; auch Brecht gehörte zu seinen engen persönlichen Vertrauten.

Bereits seit Anfang dieses Jahres durfte Bloch keine Vorlesungen mehr halten. Seine 25 Jahre jüngere Frau Carola, die aus dem Hause eines reichen polnisch – jüdischen Textilfabrikanten stammt, Architektin war und eine Zeitlang als überzeugte Kommunistin galt, Wurde aus der SED ausgeschlossen. Als der Bloch stützende langjährige Staatssekretär für Hochschulwesen, Professor Dr. Gerhard Harich, am l. März durch den Ulbricht-Protegé Dr. Wilhelm Girnus abgelöst wurde, der erst vor drei Jahren bei Mayer und Bloch über Goethe promoviert hatte, war jedem Eingeweihten klar, daß das Leipziger Philosophische Institut bald einen neuen Direktor bekommen würde. Auch einflußreiche Freunde im ZK der SED konnten Bloch nicht mehr halten. Ulbricht, mit dem Bloch bis zuletzt über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe korrespondiert hatte, war auch in diesem Falle Sieger geblieben.

"Wir haben keine Zuversicht, wir haben nur Hoffnung", schrieb der gemaßregelte Philosoph in seinem Werk. Was seine Ideen betrifft, ist er der festen Zuversicht, daß die Zeit ihm Recht geben wird. Hoffen läßt ihn die Zusage des neuen Leiters des Aufbau-Verlages, Klaus Gysi, dessen Vorgänger Walter Jankz im Zusammenhang mit dem Fall Harich verhaftet wurde, den dritten Band seines "Prinzip Hoffnung" demnächst herauszubringen. Inzwischen arbeitet Bloch an einer Rechtfertigungsschrift, die seinen Gegnern klipp und klar beweisen soll, daß er ein sehr konsequenterer Marxist ist als sie. Heinz Kirsten