Das zehnjährige Kom(m)ödchen in Düsseldorf

Von Jan Molitor

Der Lehrer (natürlich der höheren Schule) fragt nach den berühmten Liebespaaren. „Daphnis und Chloe“... „Romeo und Julia“... „Abelard und Heloise“... „Kai und Lore“. Die Erwähnung des letzten Paares verrät, daß es sich um eine Düsseldorfer Schule handelt. In Düsseldorf gehen übrigens die Liebesgeschichten glücklich aus. Siehe Kom(m)ödchen...

Kai Lorentz war ein rheinischer Student der Lebensweisheit und Gottesgelahrtheit, der mit „Faust“ aufzählen konnte, was er alles studiert habe mit heißem Bemühen: „Habe nun, ach ...“ Aber Lore war – wie dies bei den berühmten Liebespaaren der Fall zu sein pflegt – in allem Kai’s Gegensatz. Zwar auch Student und zur Fröhlichkeit aufgelegt wie er. Doch ihr Studium war mehr weltlich gerichtet. Zwar hing sie demselben Gotte an, doch nicht auf dieselbe Weise. Sie war auch nicht rheinisch fröhlich, sondern war es auf die pragerisch-deutsche Art: mehr Pfeffer. Zwei Studenten so verschiedener Fakultäten, sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief. Da ereignete sich jener Wasserfall: Der Fluß ihres Lebens stürzte sich aus der Höhe der akademischen Fakultäten in die Niederung des Alltags, besser: der Allnacht, denn ein Kabarett – der geneigte Leser wird erraten haben, daß es sich um ein solches handelt – arbeitet nachts. An den Wasserfällen pflegen Kraftwerke zu entstehen. Das Kraftwerk des nun glücklichen Paares Kai und Lore Lorentz trägt den doppeldeutigen Namen Kom(m)ödchen. Es führt im Wappen ein Kommödchen, das der Komödie dient, und produziert eine Elektrizität, deren Spannung seit zehn Jahren nicht nachgelassen hat. Andere Kabaretts kamen Und gingen; das doppelbödige Kom(m)ödchen aber, so zerbrechlich dies liebe Möbel erschien, blieb in allen Stürmen der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre stehn wie ein paar hundert Kilometer rheinaufwärts der Loreleifelsen, der seit Heines und Brentanos Zeiten allen Gewittern und allen Dichtern trotzt.

Als der Rhein noch romantisch war, haben Heine und Brentano gehört, wie süßer, gefährlicher Sang von der Höhe des Loreleifelsen herniederdrang. Heute ist unser Väter Rhein so wirtschafswunderlich geworden. Wie gut, daß dort, wo es am wunderlichsten zugeht, der Lorekaifels steht! Auch hier lauscht oft ein Heine (SPD) – und ein Brentano (CDU) und wundert sich – ‚Ich weiß nicht, was soll es bedeuten‘ – über den Sang. Die Lore vom oberen Rhein war halb Naturkind, halb Dämonin; die Lore vom Niederrhein ist eine Disease. Vielleicht ist’s gar die gleiche Person? Sie singt, die Schöne vom Lorekaifels, die oft so dämonisch und verworfen aussieht und doch daheim vier Kinder hat, die sie brav und glaubensstreng erzieht, und ihr Gesang – so gefährlich, weil er die Brust der Zuhörer oft mit „wildem Weh“ über die Schattenseiten unserer Gegenwart erfüllt – war niemals darauf gestimmt, daß er dem Heine oder dem Brentano lieblich in den Ohren klingen sollte. Ob CDU, ob SPD: das Kom(m)ödchen hat noch nie danach gefragt, nach welchem Verteilungsschlüssel eine Partei ihr Fett abkriegen soll, abgesehen davon, daß es stets die Radikalen am radikalsten bekämpft. Das kleine Fähnlein dieser Aufrechten zieht unbekümmert um Rechts und Links seinen Weg, auf dem die kämpferischen Demokraten wandeln. In Grundsatzfragen sich selbst getreu und unbeirrbar – nämlich in der Erkenntnis, daß die Demokratie täglich neu erobert werden muß, sonst geht sie uns verloren –, greifen sie höchst eigenwillig die verschiedensten Einzelfälle demokratischen und undemokratischen Verhaltens heraus, spießen sie auf, zeigen sie vor, sind ganz unbekümmert, wem’s paßt und wem’s nicht paßt, dem Heine oder dem Brentano, und wissen, daß kein Weg unbequemer ist als der einer „kämpferischen Mitte“ (wie Werner Finde es einmal formulierte). Die Kom(m)ödchen-Leute verstehen die Kunst, sich mit einem Hinterteil zwischen vierundzwanzig •Stühle zu setzen, eine schwere Kunst, die – um es frankfurterisch-goethisch zu sagen – manchmal • arschweh tut. Aber wie jede gute Sache ihren Lohn in sich selbst trägt, so auch diese. Und Mitte – das ist nicht immer Mäßigung, sondern die Position, in der man sich am leichtesten Feinde schafft: die Weltkinder rechts, Weltkinder links, Prophete in der Mitte...

Kai Lorentz, der Hausherr des schmalen Altstadt-Theaterchens von Düsseldorf, wo der Raum so wenig wunderwirtschaftsbar komfortabel, sondern so eng ist, daß es existenzgefährdend wirkt, wenn die Baupolizei ein paar Stuhlreihen entfernt (manchmal tut sie es – warum wohl: wegen der Enge oder wegen des Programms?), der Hausherr des „Kom(m)ödchens“ also sieht – beim Barte des Propheten! – wirklich aus wie ein Prophet. Aber der Kai-Bart weht nicht als Fahne des Existentialismus, wie man meinen könnte; er dient vielmehr als Gestrüpp, hinter dem die schüchterne Seele sich verbirgt. Daheim, hinter seinem Schreibtisch, wenn er die Texte schreibt, da geht Kai Lorentz aus sich heraus, immer bemüht, den Aktualitäten Rechnung zu tragen, den Tagesgöttern furchtlos ins Auge zu sehen und seinen eigenen Wünschen nicht nachzugeben, die ihn vielleicht ins Romantische, ins Idyll entführen könnten. Philosophieren – ja, das tut er noch, wie er’s gelernt, ehe die eigenwillige Lore seinen Weg kreuzte. Aber er löst die schweren Denk-Brocken auf, zerlegt sie in kleine Dialoge oder schmilzt sie zu gereimten Texten wieder zusammen. Damit ausgerüstet, besteigt seine Frau, nachdem sie den Kochlöffel oder den Bleistift beiseite gelegt hat, mit dem, sie die Schulhefte ihrer Kinder korrigiert, den Lorekaifelsen, und was sie vorträgt, ist Predigt im Formgewand der Parodie. Und was dem Werkchen etwa noch in Gedankenblässe anhaften mag, das erfüllt sie mit ihrem zupackenden Temperament, ihrer Erotik. Er denkt und reimt und dichtet, und sie läßt seine Gedanken leben. Und davon leben die beiden samt ihren Kindern und ihrem Ensemble, das in den zehn verflossenen Jahren nur geringe Änderungen erfahren hat. Teils weil sie alle gut zusammenpassen, teils weil dies angeblich leichtsinnige Kunstvölkchen nach ökonomisch biederen Regeln lebt: lange Verträge, Jahresgagen, gleichgültig, ob Saison, ob Urlaub. Aber man versteht, warum das Täfelchen an der Kom(m)ödchenkasse, das fast allabendlich ins Blickfeld der Zuspätkommenden geschoben wird, als Stoßseufzer formuliert ist: „Gott sei Dank, ausverkauft.“

Nichts vom Programm; dies würde bei zehn Jahren Programmen zu weit führen. Nur eins: Am schönsten ist’s jedesmal, wenn die Kom(m)ödchen-Künstler sich zu Ensemblesätzen zusammenfinden, zu jenen kleinen musikalischen Szenen, wo nicht im Spiel, nicht im Gesang etwas „gemogelt“ und nichts im Kabarett-Ton singsprechend vorgetragen wird. Das ist Kammeröperchen, vollkommen in Gestik und Gesang, oft kopiert und nirgendwo anders erreicht, weil andere Kabarettisten vielleicht einen ähnlich hohen Sinn für Witz, Parodie, Kritik und gute Laune haben, nicht aber so hohen Respekt vor der Kunst, wie eben diese Leute vom „Kom(m)ödchen“, die desto größere Künstler sind, weil sie niemals davon sprechen, daß auch in ihrem Fach Kunst von Können kommt.