Von Rudolf Walter Leonhardt

Dem vor Jahresfrist von den Engländern nach der Seychellen-Insel Mahé verbannten Erzbischof von Zypern ist inzwischen von der britischen Regierung erlaubt worden, sich wieder frei zu bewegen. Nur nach Zypern darf er vorerst nicht zurückkehren. Erzbischof Makarios befindet sich zur Zeit auf dem Onassis-Tanker „Olympischer Donner“, der die afrikanische Küste anläuft. In Nairobi will er Besprechungen mit dem Engländer führen, der die Politik seiner Regierung wohl tiefer als jeder andere bedauert hat: mit dem sachverständigen sozialistischen Parlamentarier Francis Noel-Baker.

Das Hochamt war vorüber, der Gottesdienst fast zu Ende, als der Priester noch einmal vor die Gemeinde trat. Seine Stimme hatte die Demut vor dem Höheren verloren und klang jetzt hart und fordernd: „Zypern hat im Laufe seiner Geschichte viele Eroberer kennengelernt. Heute steht es dem letzten dieser Eroberer gegenüber. Eure Kirche hat durch all die Jahrhunderte hindurch die Flamme des Glaubens genährt und die Flamme des Nationalgefühls. Sie wird euch eines Tages in die Freiheit führen und von der Fremdherrschaft befreien.“

Der so sprach – Sonntag für Sonntag, bald in dieser, bald in jener Gemeinde –, ist ein großer, schlanker, eindrucksvoller Mann. Dichtes schwarzes Haar umrahmt ein sonnengebräuntes Gesicht und läuft nach unten aus in einen mächtigen Vollbart. Faszinierend sind die dunklen Augen, die glühenden Augen des Fanatikers, des Märtyrers, des Heiligen vielleicht. Es ist der höchste kirchliche Würdenträger seines Landes, einer der höchsten Würdenträger in der ganzen griechischorthodoxen Hierarchie: Myriarthefs Makarios, Erzbischof von Zypern. Die Leute, die ihn persönlich gut kennen, sind nicht sicher, ob Makarios ein sympathischer Mann ist. Ehrgeiz sagen manche ihm nach und Eitelkeit. Auf den Gedanken jedoch, daß Makarios ein Verbrecher sein könnte, war noch niemand gekommen, ehe das britische Kolonialministerium mit einer solchen Anschuldigung seine Herrschaft über die letzte weiße Kolonie, die es auf der Welt gibt, rechtfertigen zu müssen glaubte. Zur Rechtfertigung fühlte es sich um so mehr gedrängt, als es Makarios fünf Monate vorher schon behandelt hatte wie einen Verbrecher: vor seiner Abreise nach Athen wurde er im März 1956 auf dem Flugplatz verhaftet und, ohne irgendein Gerichtsverfahren, nach den Seychellen-Inseln im Indischen Ozean deportiert.

Sozialisten und Liberale in England sprachen damals von einem „Akt des Wahnsinns“ der Regierung Eden. „Ben Gurion, der Ägypter Saghlul Pascha, der Sultan von Marokko, Bourguiba – das sind vier Präzedenzfälle, die dem britischen Kolonialministerium zu denken geben müßten“, schrieben wir am 15. März 1956 in der ZEIT.

Belastendes Material gegen Makarios lag zunächst nicht vor. Fünf Monate später erst gab das britische Kolonialministerium einer hastig einberufenen Pressekonferenz bekannt, es habe jetzt den Beweis dafür, daß Makarios ein Mörder sei, der eigentliche Führer der zypriotischen Guerilla-Organisation EOKA. Und zwar hatte – nach der Version des Kolonialministers – der englisch geschulte Partisanenkämpfer und Chef der EOKA-Bewegung, Oberst Grivas alias Dighenis, sich seine Freizeit damit vertrieben, Tagebücher zu schreiben, in denen er Makarios (unter dem Decknamen „der General“) aufs schwerste belastete. Kolonialminister Lennox-Boyd erklärte damals: „Wenn erst die Tagebücher vollständig veröffentlicht worden sind, wird niemand mehr an ihrer Echtheit zweifeln.“ – Wer nicht zweifeln will, wartet weiter geduldig auf diese Veröffentlichung.

Einige Zweifel scheinen jedoch angebracht. „Andere Männer und Organisationen sprechen mit viel größerer Autorität für Zypern als Erzbischof Makarios“, verkündete der britische Generalgouverneur Sir John Harding im Juli 1956. Das war ein Irrtum. – „Makarios ist für Verhandlungen über Zypern nicht unentbehrlich“, echote Kolonialminister Lennox-Boyd einen Monat später, Das stimmte auch nicht. – Kaum war Makarios, der angebliche Rädelsführer, verbannt, da erklärte sein Stellvertreter, Bischof Athimos von Kition: „Der Kampf gegen die britische Unterdrückung muß mit allen Mitteln fortgesetzt werden.“ Er wurde mit allen Mitteln fortgesetzt und kostete 250 Menschen das Leben.