J. B., Wien, im April

Wir möchten aus gegebenem Anlaß über eine liebenswürdige Verbindung von österreichischer Heiterkeit und finanzpolitischer Werbung berichten. Die sehr ausgiebig versandten Prospekte zur „Dritten Energieanleihe“ zeigen auf der Vorderseite die Zeichnung eines Wiener Karikaturisten, der sich Ironimus nennt: Eine sehr gemütliche Skizze – ein Männchen mit einem überdimensionalen Lächeln auf dem Knollengesicht; die Rechte zieht höflich-eckig den alpenländischen Trachtenhut, aus dem statt des üblichen Gemsbartes vier Blitze (Elektrizität!) schießen; die Linke hebt einen langen Aufmerksamkeitszeigefinger. Jedenfalls wird eine heitere, dem Gegenstand a priori freundliche Neugierde erregt. In einem Preisausschreiben sucht nun ein vergnügtes Völkchen einen Namen für die Werbefigur, als deren Vater eben jener zeichnende Ironimus und als deren Mutter die geldsuchende Energiewirtschaft genannt werden...

Der schöne Name wird leichter zu finden, als die Anleihe beim Publikum unterzubringen sein. Es sind zwar nur 300 Mill. Schilling, es werden bei 98 v. H. Begebungskurs 7 v. H. Zinsen gezahlt, was bei dem langsamen Kapitalumschlag in der Energiewirtschaft ein hoher Kostensatz ist. Auch sieht jeder ein, daß zum Ausbau der Wasserkraftwerke neues Geld gebraucht wird.

Aber man hat zuvor, bei der Ausgabe der Bankaktien, zuviel mit der Substanzsicherung Reklame gemacht, man hat weitere Volksaktien-Transaktionen angekündigt und darf sich nun nicht wundern, wenn eine Anleihe ohne Wertsicherung keine besondere Verlockung darstellen kann. Es bedarf also wirklich eines Ironimus, um gerade anläßlich dieser Emission heiter zu sein – später, wenn die Elektrizitätswerke auch Aktien ausgeben werden, dürfte der Werbemann mehr zu lachen haben, denn die Substanz im Hintergrund ist enorm; nach den Eröffnungsbilanzen vom 1. Januar 1955 hat der Eröffnungsbilanzen 10 Mrd. 1. Januar bei 2,5 Mrd. Aktienkapital, 2 Mrd. offenen Reserven und knapp 4 Mrd. langfristigen Verbindlichkeiten.

Es scheint überhaupt die Wiener Börse vor starken Bewegungen zu stehen. Wenn neue Emissionen zu „schön“ gemacht werden, müssen die alten Kurse leiden. Wenn man jetzt mit 7 v. H. eine Energieanleihe verzinst und zu 98 v. H. ausgibt, muß die Vorgängerin von 1955, die nur 4 v. H. trägt, von ihrem mühsam gehaltenen Kurs von 98 v. H. heruntergehen oder massiv gestützt werden. Wenn man Bankaktien so stark unter ihrem Wert verkauft, so wird das spekulative Kapital hierfür reserviert; diese neuen Favoriten werden nach der Börseneinführung gewiß im Kurs steigen, aber die anderen Aktien zeigen seit Monaten andauernd Kursverluste. Eine Rückbildung überhöhter Notierungen war zu erwarten; das in den Schillingseröffnungsbilanzen ausgewiesene Eigenvermögen der Gesellschaften ist bei den guten Papieren (z. B. dem bisherigen schwersten und begehrtesten Wert, der Veitscher Magnesit) eben doch kleiner als das Kurskapital auf Grund der jetzigen Notierungen. Nun sind gewiß noch stille Reserven da, aber im ganzen ist das Kursniveau eben so hoch, daß zumindest die Spekulation ihre Gewinne sichert und auf lukrative Chancen bei neuen Emissionen wartet. Die Baisse beruht gewiß noch auf schmalen Umsätzen, die kompakten Majoritäten (in Österreich weit größer als bei deutschen Börsenwerten) rühren sich nicht – zumindest vorläufig nicht. Ein weiterer Kursverfall könnte allerdings auch manchen Posten, den man als Festbesitz ansieht, locker werden lassen.

Nun soll man sich aber nicht beklagen und um Hilfe rufen. Die Entwicklung war vorauszusehen. Kurse haben eben die Eigenschaft, nicht nur zu steigen, sondern auch zu fallen; der Kapitalmarkt soll ja durch seine Dynamik auch die Verwendungsauslese für anlagewilliges Geld bringen, und die durch zehn Jahre allgemeine Hausse muß ihre Differenzierungen erfahren. Man kann daher die jetzige Dynamik erst als Beweis dafür werten, daß die Börse wieder ihre Funktionen erfüllt; bisher war sie mehr eine Evidenzanstalt für Preiserhöhungen der Unternehmenssubstanz, und daran hatte man sich allerdings bereits ebenso gewöhnt wie an die ewige Konjunktur.

Übrigens hat die Aktienbaisse auch ihre Ausnahme, denn Versicherungswerte sind seit Bekanntwerden der Eröffnungsbilanzen und Kapitalumstellungen (in der Regel 1 : 5, bei der Wiener Allianz 1 : 7 1/2) gestiegen und steigen weiter, wieder zu weit, wie wir meinen, denn zunächst zahlt man für 1955 noch keine Dividenden, und wenn auch Status und Geschäft wieder konsolidiert sind, so sorgt schon der schlechte Verlauf in der Autohaftpflicht für Gewinnbegrenzung und schmale Rendite.

Alle diese Erwägungen gelten natürlich unter der Voraussetzung, daß der Schilling stabil bleibt, daß es gelingt, der gerade jetzt wieder so heftigen Lohn-Preis-Dynamik Herr zu werden. Inflationsluft war noch immer die beste Atmosphäre für die Aktienmärkte, und auf eine Erneuerung der allgemeinen Börsenhausse aus diesem Grunde will man nicht hoffen: dann schon lieber Korrektur der Kursüberhöhungen und neues Leben durch neue Emissionen!