Von Gösta von Uexkiill

Vor fast genau vier Jahren erhielt Edzard Schaper den Fontanepreis. „Für sein schriftstellerisches Gesamtwerk...“ Kein bestimmtes Buch wurde herausgehoben, wie das zum Beispiel beim Nobelpreis Vorschrift ist. Und das wäre auch bei Schapers Werken, angefangen von „Die sterbende Kirche“ bis zu seinem soeben erschienenen neuen Roman:

Edzard Schaper: „Attentat auf den Mächtigen.“ S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1957. 198 S., 13,80 DM,

nicht leicht. – Das Testament Alfred Nebels bestimmt außerdem, das auszuzeichnende Werk müsse „in idealischer Richtung“ sein, eine Vorschrift, welche die Schwedische Akademie, die diesen Preis verteilt, allerdings sehr weitherzig auszulegen pflegt. Nun, Edzard Schaper wirde die Erfüllung gerade dieser Bedingung keine Schwierigkeiten machen, gleichviel welches seiner Bücher man in die Hand nimmt. Alle sind sie „in idealischer Richtung“ – wenn man darunter nichts Komplizierteres versteht, als den Glauben an die Bestimmung des Menschen zum Guten und die Tatsache seiner Verstrickung im Bösen.

Also ein „religiöser Schriftsteller“? Katholisch oder protestantisch oder vielleicht Konvertit wie so viele moderne Erzähler (Graham Greene, Evelyn Waugh, Bergengruen, Gertrud von Le Fort)? Schaper ist allerdings 1951 Katholik geworden, aber das Etikett „religiöser Schriftsteller“ paßt trotzdem so sehr nur äußerlich, daß es im Grunde gar nicht paßt. Religion war für ihn nie etwas, was man zur Schriftstellern als Adjektiv hinzutun könnte, keine Richtung unter mehreren, sondern etwas, ohne das es ihm weder möglich wäre zu leben noch zu schreiben.

Ich lernte Schaper 1940 in Reval kennen. Die Schatten des Krieges hingen schwer über der von uns beiden geliebten Stadt, die Uhr des freien Baltikum war abgelaufen. Aber wir sprachen, obwohl beide Journalisten, nicht vom Krieg. (Schaper war lange Jahre Korrespondent einer bekannten deutschen Tageszeitung.) Wir sprachen davon, was wohl Christus gemeint habe, als er sagte: „Wenn ich nicht gekommen wäre – hätten sie keine Sünde.“ (Ich sagte, daß ich noch nie einer Auslegung dieses Textes in einer Predigt oder religiösen Schrift begegnet sei.) Uns beiden erschien dies Gespräch natürlich, wenn auch unsere Bekanntschaft erst wenige Tage alt war. – Vielleicht liegt hierin das Besondere der „Religiosität“ (welch müdes Wort!) Schapers, daß sie keine Scheu um sich verbreitet. So frei reden nur „Ketzer“ und wirklich Gläubige.

Damals stand Schaper den östlichen Offenbarungsformen des Christentums näher als den westlichen. Aber das war Nächstenliebe zu den bedrängten Kindern der östlichen Bruderkirche, nicht Kühle gegen Rom und Wittenberg. Und dieser Liebe zur Ostkirche ist Schaper auch nach seiner Konversion treu geblieben. Sein Vater Jaki aus dem eingangs angezeigten Roman ist ein echter Bruder Vater Seraphims aus der „Sterbenden Kirche“ und des Diakon Sabbas aus dem „Letzten Advent“. Nach einem langen Ausflug in den Westen, genauer gesagt, zu den Franzosen und ihren Mächtigen (Napoleon) und Ohnmächtigen (die „Freiheit des Gefangenen“ und „Die Macht des Ohnmächtigen“ entstanden in dieser französischen Zeit) ist Schaper mit dem „Attentat auf den Mächtigen“ wenn auch nicht in die Landschaft, so doch zu den Menschen des Ostens zurückgekehrt: