K-a, Berlin

Der Gedanke, Seelsorge per Telephon zu betreiben, ist sicher etwas ungewohnt, wird aber in Berlin seit einem halben Jahr mit Erfolg in die Tat umgesetzt. Die Rufnummer 32 01 55 ist der telephonische Anschluß für eine Betreuergruppe von Pfarrern, Juristen, Ärzten und Psychotherapeuten, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen vor dem Selbstmord zu bewahren. Jeder, der nicht mehr weiter weiß, kann diese Nummer wählen, Tag und Nacht.

Die Stimme am anderen Ende des Anschlusses legt schon in die sechs Zahlen der Rufnummer, mit denen sie diskret und abwartend zu verstehen gibt, daß der Anrufer richtig gewählt hat, soviel fragende Bereitwilligkeit zum Zuhören, daß man es fast als beschämend empfindet, nur eine Auskunft haben zu wollen. Wer sich hier im Schutze der Anonymität! ausspricht – und das Gefühl der telephonischen Anonymität ist auch ein Grund für das Vertrauen, das die Betreuung genießt – beansprucht viel Geduld des Zuhörenden. Bis zu einer Stunde dauern solche Gespräche zuweilen. Viele andere sind natürlich kürzer. Fünfzig Anrufe je Tag ist der Durchschnitt. – Der Zuhörende hat zunächst nur die Aufgabe, den Erzählenden vor nicht ausreichend überlegten Schritten zurückzuhalten. Manchmal genügt ein Trost allgemeiner Art; schon das Aussprechendürfen erleichtert. Meistens jedoch wird er gebeten, zu einer persönlichen Unterhaltung zu kommen.

Der Leiter dieser Betreuung, Dr. Klaus Thomas, machte sich Erfahrungen mit der telephonischen Lebensmüdenbetreuung in Wien und Dänemark zunutze. Da er selber Arzt, Pfarrer und Psychotherapeut ist, weiß er, daß von jedem einzelnen Ansatzpunkt her nur beschränkte Möglichkeiten zur Hilfe bestehen und daß in einem Falle der Seelsorger, in einem anderen der Arzt oder der Jurist die größeren Erfolgsaussichten hat. Auch er weiß natürlich, daß nicht jeder, der 32 01 55 wählt, in akuter Selbstmordgefahr schwebt, wenn es auch bei einem Drittel aller Anrufe so sein soll. Bisher, so sagt er, hat jedoch keiner von den Betreuten hinterher seinen traurigen Entschluß doch noch wahr gemacht.