München, im April

Das Beunruhigende des Phänomens der „Halbstarken“ liegt merkwürdigerweise in seiner absoluten Folgerichtigkeit – von den übrigen Sachverhalten des heutigen Lebens aus gesehen; ganz besonders aber von dem Zustand der älteren Generation aus. Man mag sagen, was man will: die gegebene Weltordnung, gleichviel ob sie geglaubt wird oder nicht, ist heute genauso wirksam wie zu irgendeiner anderen Zeit. Und sie bewirkt, daß die Jugend sich nach dem Vorbild und Beispiel der Erwachsenen formt, sei es in vertrauender Nachfolge, sei es in aufbegehrendem Widerspruch. Aber auch der Widerspruch setzt voraus, daß etwas zum Widersprechen da ist. Und da muß denn festgestellt werden: Der größere Teil der so besorgniserregend autoritätsfeindlichen Jugend entpuppte sich bei näherer Betrachtung als insgeheim autoritätsbedürftig, ja, geradezu sehnsüchtig nach Autoritäten – aber es sind keine zu finden. Die Erwachsenen bringen es nicht mehr fertig, Autorität zu repräsentieren! Die geschmähten Halbstarken suchen vergeblich nach den Ganzstarken die ihnen imponieren könnten – aber sie sehen sich (im allgemeinen) nur Ganz schwachen gegenüber!

Wer es nicht wahrhaben möchte, der braucht sich nur einmal eine der ratlosen Beratungen oder undiskutablen Diskussionen anzuhören, wie sie in gewissen Abständen von Eltern, Erziehern, Lehrern, Jugendpflegern und anderen „Berufenen“ in Sachen der Halbstarkenpflege abgehalten werden. Es ist bejammernswert, was sich da gemeinhin tut an Übereifer, den guten Willen der Jugendlichen zu ködern mit dem völlig ungeeigneten Mittel hemmungsloser Selbstentautorisierung und Selbstbezichtigung. Wer aber glaubt denn im Ernst, auf diese Art einer hellhörig gewordenen Jugend Eindruck machen zu können? Wer glaubt, daß den Jungen die falschen Töne entgehen könnten, die in derartigen Selbstanschuldigungen immer mitschwingen?

Auf diese Weise begeben die Erwachsenen nicht nur sich selbst aller Autorität (wovon sie ohnehin nicht mehr viel zu verlieren haben), sondern sie helfen leichtfertig Autoritäten durchaus überzeitlicher Art stürzen, zu denen wieder hinzuführen gerade die pädagogische Aufgabe wäre. Denn handle es sich um das Christentum, um Religion überhaupt, handle es sich um die humanistische Gesamtbildung, um ein menschliches Persönlichkeitsideal, um die Pflege des Gewissens, um das Verantwortungsgefühl oder endlich auch nur um simple Grundsätze des Anstands, des sittlichen Wohlverhaltens, um den bildenden Einfluß der kulturellen Werte – so viele Fremdworte, das alles in den Ohren einer zu „Halbstarken“ abgesunkenen Jugend sein mögen, so viele durch Jahrtausende ideale Kräfte sind es, deren Aufopferung den Menschen der Menschlichkeit und der Menschenwürde entkleidet. Und zwar sind diese Kräfte unvertauschbar gegen irgendwelche (obendrein nur nebulos vorgestellte) neue, andersartige vermeintliche Tugenden, die den Menschen angeblich tauglicher für das „moderne Leben“ machen sollen; es müßte denn dieses Leben konsequent unmenschlich sein sollen...

Der Irrtum dieses Schreies nach „neuen Leitbildern“ an Stelle besagter „alten“ Ideale liegt darin, daß die Selbstankläger ihre Anklage nicht ehrlich meinen. Sie schieben den Idealen und Autoritäten als Mangel zu, was einzig an dem menschlichen Unvermögen liegt, mit Idealen ernst zu machen. Gerade Erzieher aber sollten wissen, daß die Bedeutung idealer Forderungen in ihrem Ansporn zu immerwährender Bemühung beruht und daß eben diese Bemühung es ist, worauf es dabei ankommt. Die Selbstbezichtiger täten darum besser und dienten der Jugend ehrlicher, wenn sie nicht an jenen überzeitlichen Vorbildern und Bildemitteln höherer Menschlichkeit rüttelten, sondern zugäben, daß sie selbst nicht (oder nicht genug) nach den von ihnen solange im Munde geführten Idealen gelebt und daß sie deshalb versagt haben.

Dagegen – wie leicht machen sich da sogar amtlich bestallte Verantwortliche die Diagnose des Sachverhalts und die Werbung um das Zutrauen der Jugendlichen! Bei einer vor kurzem abgehaltenen Tagung über das Thema: Warum Krawall zu welcher auch die Deputation einer „Blase“ geladen war, rühmte der Leiter eines großstädtischen Jugendamtes als positiven, anerkennenswerten Zug des „Blasen“-Wesens, daß es unter den Angehörigen dieser „Klubs“ (oder wie sie sich sonst nennen mögen) keine Unterschiede des Standes, der Konfession und so weiter gäbe. Und er wandte sich an die darob nicht wenig geschmeichelten „Halbstarken“ mit dem kühnen Ausspruch: „Wer weiß, vielleicht liegt in euren ‚Blasen‘ der Keim zu einer künftigen klassenlosen Gesellschaft, in der die Toleranz das oberste Gesetz ist...“

Wo bleibt hier nur die sonst immer so gern strapazierte Psychologie? Sie hätte dem Jugendamtsleiter verraten müssen, daß es leicht ist, keine Standesunterschiede mehr zu sehen, wo alles „unten“ ist, und daß Toleranz nichts kostet, wo allen alles wurscht ist. Hier offenbart sich eine Primitivität des Denkens, die freilich wieder das Gemeinsame, die „gleiche Welt“ der Jugendlichen und der Erwachsenen aufdeckt. Da hat man statistisch festgenagelt, daß die Jungen heute im Wachstum um etwa neun Jahre früher fertig sind als früher; in der geistigen Reife hingegen um sechs Jahre zurück. Hat aber eigentlich noch niemand – umgekehrt – beachtet, wie viele Züge von unverkennbarer Infantilität in unserer Gegenwart dem moralischen, intellektuellen und emotionellen Verhalten der Erwachsenen eigen sind? Angefangen von der Bewunderung für alles Technische, dem Auto-Fetischismus, dem blinden Bewegungsrausch, der Lust am Lärm der Einfältigkeit mancher Formen publizistischer Ansprache bis zu gewissen Symptomen zweitrangiger modischer Kunst. Wo aber dieser Infantilismus sich bis zur bewußten Preisgabe jeglicher Selbstbehauptung gegenüber der natürlichen Herausforderung seitens der jungen, nachrückenden Generation versteigt, da findet er kein sympathisches Echo mehr, sondern ruft in einer tieferen Bewußtseinsschicht der Jugendlichen jene gründliche Enttäuschung hervor, die sich dann in überbetonter Aggressivität, in der vielberedeten Leerheit, totalen Respektlosigkeit und nihilistischen Hemmungslosigkeit zu kompensieren sucht. Die bedingungslose Kapitulation erntet auch hier (was immer ihre Folge ist!) nicht etwa irgendwelche „Erkenntlichkeit“, sondern kühle Verachtung oder gewalttätigen Hohn,