Die Nachkriegsgeschichte der westdeutschen Wirtschaft weiß bis jetzt, wohl von kaum einem insolventen Unternehmen zu berichten, das in klarer Erkenntnis seiner Lage so rechtzeitig die Konsequenzen gezogen hat, daß alle Gläubiger vollständig befriedigt werden konnten. Dieser so seltene Fall ist jetzt bei der Trikotwarenfabrik J. Conzelmannn zur Rose KG, Tailfingen in Württemberg, eingetreten, die Anfang dieses Monats ihre Zahlungen unterbrochen und ihren Gläubigern mitgeteilt hat, daß sie den Betrieb mit seinen 350 Beschäftigten liquidieren wolle, obwohl weder Klagen schweben noch Pfändungen vorliegen. Ein erheblicher Verlust im Jahr 1956, der die Liquidität für die Zukunft in Frage stellt, und die Aussichten, daß bei dem derzeitigen Überangebot in dieser Branche und den hohen fixen Kosten ein rentables Arbeiten kaum mehr möglich sein dürfte, waren für die jetzt 90 Jahre alte und in ihrer Branche gut bekannte Firma Grund genug zu dieser einschneidenden Maßnahme. Angesichts eines Umsatzes, der 1956 nur etwa ein Drittel der Höhe erreichte, die zur vollen Ausnutzung der Kapazität notwendig gewesen wäre, hatte die Geschäftsführung wohl ursprünglich die Absicht, ihre Produktion auf Oberbekleidung aus Wolle umzustellen. Sie mußte diesen Plan aber aufgeben, weil die Kapitalkraft für die dabei entstehende höhere finanzielle Beanspruchung nicht ausreichte.

Es spricht für das Verantwortungsbewußtsein der Geschäftsführer und für deren Einstellung zu dem anscheinend schon fast vergessenen Begriff „der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns“, daß sie – ohne sich auf gewagte Experimente einzulassen – den Gläubigern nunmehr einen Status per Ende Februar 1957 vorgelegt haben, der allen Forderungen vollständig gerecht wird. Dabei sind die in diesem Status eingesetzten Vermögenswerte so knapp bemessen, wie sie äußerstenfalls bei einer Zwangsvollstreckung noch zu realisieren wären. Für eine ungestörte, nicht unter Zeitdruck stehende Abwicklung enthält der Status demnach noch etliche Reserven.

Es wird unter diesen Umständen den Gläubigern nicht schwerfallen, dem Vorschlag des Treuhänders zuzustimmen, der eine Weiterführung des Betriebs bis zum Auslaufen in etwa acht Wochen vorsieht und von den Gläubigern ein Stillhalten bis Jahresende verlangt, wobei auch dies der äußerste Termin sein soll. Ein weiteres erfreuliches Detail dieses Vergleichs ist noch die Mitteilung, daß die Belegschaft vollzählig von anderen Trikotwarenfabriken übernommen wird. Dies kann man gleichzeitig als einen Beweis dafür ansehen, daß es sich auch bei dieser Liquidation um einen Einzelfall handelt, der keine negativen Schlüsse auf die Geschäftslage der Branche zuläßt, vielmehr ist es ein Zeichen dafür, daß die Beschäftigungslage dieser Betriebe im ganzen gut sein muß. C. B.