Von Marianne Regensburger

In den Aufzeichnungen eines Kämpfers aus dem

Warschauer Ghetto, die auf den verschlungenen Wegen des europäischen Untergrundes auf uns gekommen sind und so das Grauen überlebten, das ihr Autor nicht überlebte, in diesen Aufzeichnungen, die ein Streitgespräch eines Hiob des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem abwesenden Gott sind, heißt es an einer Stelle: „Die Mörder haben über sich selbst das Urteil gesprochen, und sie werden ihm nicht entgehen. Aber du mußt dein Urteil sprechen, ein doppelt schweres, über diejenigen, die den Mord verschweigen, Über diejenigen, die den Mord mit dem Mund tadeln, aber sich darüber freuen in ihrem Herzen. Über diejenigen, die in ihren finsteren Herzen denken: Es schickt sich vielleicht, daß wir sagen, der Mörder ist schlecht, aber er macht die Arbeit für uns, und dafür werden wir ihm dankbar sein.“

Es scheint, als habe der Schreiber mit der Klarsichtigkeit des Todgeweihten eine mögliche – und weitverbreitete – Reaktion auf den Mord an den europäischen Juden vorweggenommen. Doch steht diese Reaktion hier nicht zur Diskussion. Schwieriger ist eine Stellungnahme zu dem Geschehenen, die von einer Anerkennung der Wahrheit dessen ausgeht, was Bundespräsident Heuss bei der Einweihung des Mahnmals von Bergen-Belsen „die Pedanterie des Mordens als schier automatischem Vorgang“ genannt hat. Es liegt, mehr als zehn Jahre nach Kriegsende, nun auch in der Bundesrepublik das Werk eines englischen Autors vor über diesen schrecklichsten Aspekt der nationalsozialistischen Theorie und Praxis:

Gerhard Reitlinger: „Die Endlösung – Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939– 1945.“ Colloquium Verlag, Berlin, 698 S., 21,80 DM.

Selbst wenn man diesen oder jenen Einwand gegen dieses Buch erheben möchte, verstummt er angesichts dieser systematischen, statistischen und

sachlichen Studie des Grauens. Es bleibt nichts, als diesem Grauen ins Auge zu sehen.