HH, Prien am Chiemsee

Der 54 Jahre alte Bauer Vinzenz Jarmer aus Grassau im Chiemgau wurde vom Schwurgericht Traunstein des versuchten Totschlages nicht, für schuldig gefunden. Damit ist die richterliche Verfolgung des Falles abgeschlossen, während das eigentliche Ende dieser menschlichen Tragödie noch nicht abzusehen ist. Der Fortbestand eines der größten bäuerlichen Anwesen im Chiemgau steht ebenso auf dem Spiel wie das Glück seiner Besitzer.

Jarmer, vor 1945 Hofbesitzer im sudetendeutschen Landkreis Mährisch-Trübau, fand nach der Vertreibung, gefördert durch seine Kenntnisse in der Landwirtschaft, sofort wieder Arbeit. Er hatte als Baumeister auf bayerischen und österreichischen Klostergütern Vertrauensstellungen, sein ganzes Streben aber war, wieder Herr auf eigenem Boden zu sein.

Mit 12 000 Mark Vermögen und der Gewißheit, vom Staat als Flüchtling 28 000 Mark für den Kauf eines Hofes zu erhalten, kehrte er von seiner letzten Anstellung aus der Schweiz in den Chiemgau zurück. Unter den Angeboten schien Jarmer der Reitbauernhof, das Anwesen des Bergerbauern von Grassau, am verlockendsten, obwohl ihm bekannt war, daß der Hof stark verschuldet war.

Der alte Berger, dem der fachkundige Interessent nicht unsympathisch war, machte kein Hehl daraus, wie es um die Zukunft seines Besitzes stand. Der erste Hoferbe war gefallen, der Schwiegersohn 1951 gestorben; der jüngste Söhn aber, der Franz, taugte nach Ansicht des Altbauern nicht für die Landwirtschaft. Franz hatte seit seiner Schulentlassung fünf Berufe ergriffen und keinen wirklich erlernt. Er war zum Schmied in die Lehre gegangen, hatte dann als Töpfer begonnen, danach kurze Zeit als Mechanikerlehrling gearbeitet und war später auf der Gemeinde tätig gewesen. Schließlich wurde er Schuhplattler bei einem Bauerntheater. Nirgends hielt es ihn lange. Nach dem Tode des Schwagers holte ihn der Vater wieder, übergab ihm probeweise den Hof, aber behielt sich das Recht vor, ihn zurückzufordern; und nach neun Monaten, als Franz 22 000 Mark verwirtschaftet hatte, wurde der Vertrag wieder annulliert.

So stand es um den Reitbauernhof, als Vinzenz Jarmer das erstemal als Käufer auftrat. Der Bauer war entschlossen, wenn es nicht zum Kauf käme, das Anwesen seiner Tochter Apollonia, verwitwete Hausladen, zu überschreiben. Die Loni war zu dieser Zeit einem anderen Mann versprochen. Die Hochzeit kam jedoch nie zustande. Franz und Vinzenz hatten, ihre Hand im Spiel gehabt, als an Petri Stuhlfest beim Pfarrer von Grassau der Brautkranz zerrissen und damit Lonis Verbindung gelöst wurde. Vinzenz schien der Hof soviel wert, daß er dafür eine Ehe in Kauf zu nehmen gewillt war, zu der ihn nicht menschliche Neigungen, sondern wirtschaftliche Überlegungen bewogen. Franz stand ihm dabei zur Seite und beeinflußte entsprechend seine Schwester, da er wußte, daß ihm sein künftiger Schwager Vinzenz 10 000 Mark für eine Existenzgründung als Abfindung zahlen wollte.

Am 11. Mai 1955 haben Vinzenz Jarmer und Apollonia Hausladen, geborene Berger aus Grassau, die Ehe geschlossen. Vorher hatte der Bräutigam noch sein Versprechen eingelöst. Er unterschrieb einen Zettel, an Franz die vereinbarte Summe zu bezahlen.