Wie erfreulich sich die Lage auf dem Aktienmarkt in der zurückliegenden Zeit stabilisiert hat, bewies das vergangene Wochenende. Als nämlich Ollenhauer sein Programm der Staatskontrolle für die Grundstoffindustrie verkündete, gab es bei den Börsianern lange Gesichter. Nicht, weil sie Ollenhauers Worte sonderlich tragisch nahmen (sie empfanden sie sogar als eine Abschwächung der bisherigen Linie), sondern weil sie sich eine ungünstige Auswirkung auf die gerade wieder erwachende Kaufneigung des Publikums und des Auslandes ausrechneten. Diese Befürchtungen traten jedoch nicht ein. Wenn es dennoch zu zeitweiligen kleineren Kursabschwächungen kam, dann wurden sie durch die Spekulation verursacht, die den Zeitpunkt für gekommen sah, die inzwischen aufgelaufenen, teilweise auch nicht unbeträchtlichen Gewinne sicherzustellen. Einen größeren Rückschlag haben die Banken jedoch aufgefangen. Sie und auch die Unternehmen, die in den nächsten Wochen mit Aktienemissionen und Industrieanleihen an den Markt kommen wollen, brauchen ein günstiges Börsenklima. Ohne Prophet sein zu wollen, läßt sich wohl sagen, daß die am Kapitalmarkt interessierten Stellen in dieser Woche sehr viel tun werden, um das Aktienkursniveau weiter zu stabilisieren.

Die Lage auf dem Kapitalmarkt dürfte auch die Dividendenentscheidung bei Bayer (10 nach 9 v. H.) mitbestimmt haben. Vor einigen Monaten schien es noch so, als wenn die Gesellschaft bei ihrem alten Dividendensatz bleiben wollte. Es bestehen Aussichten, daß auch die beiden anderen großen Gesellschaften der IG-Farben-Industrie (Bad. Anilin und Hoechst) ihre bisherigen Dividendenvorstellungen revidieren werden. Diese Hoffnungen waren die Ursache für die Kursgewinne in diesen Papieren. Die IG-Farben-Liquis schwankten wieder um 35 v. H. herum. (Sie beinhalten neben dem Ostbesitz des alten IG-Farben-Konzerns noch nom. 60,- DM Aktien der Chemischen Werke Hüls). Da die HV der IG-Farben erwartungsgemäß glatt – trotz der Opposition – über die Bühne ging und damit die Aussichten auf eine Ausschüttung des sehr hoch zu bewertenden Hüls-Anteils in greifbare Nähe (in etwa 12 Monaten) gerückt sind, kam es in diesen Papieren zum Wochenende zu lebhaften Umsätzen.

Interesse fanden übrigens jetzt auch wieder die Elektrowerte. Längere Zeit wurden AEG und Siemens vernachlässigt. Die gleichgebliebene Dividende von 9 v. H. hatte das Anlagepublikum verstimmt. In dieser Woche kam nun das AEG-Bezugsrecht (4:1, Ausgabekurs für die jungen Aktien von 120 v. H.) zur Notiz. An den Tagen vorher wurde es mit 10 3/4 bis 11 1/4 genannt. Im Mittelpunkt des Börseninteresses standen daneben die deutschen Erdölgesellschaften. Sie waren durch die Regierungsverhandlungen in Teheran über eine eventuelle deutsche Beteiligung an der persischen Erdölförderung ins Gespräch gekommen: Begreiflicherweise lehnten es die in Frage kommenden Gesellschaften ab, zum gegenwärtigen Zeitpunkt in dieser Frage Stellungnahmen abzugeben. Es klang jedoch durch, daß man grundsätzlich nicht abgeneigt ist, diesem Problem näherzutreten. Sicher ist, daß die Erdölförderung in Persien trotz der erheblichen Investitionen lohnender sein kann als in Westdeutschland. Bei den ausländischen Konzernen sind die Erdölfelder des Nahen und Mittleren Ostens am ertragreichsten. Kein Wunder also, wenn sich die Spekulation den Kali- und Erdölwerten in der vergangenen Woche annahm. Dadurch kamen Dt. Erdöl von 166 auf 172 v. H., Wintershall von 234 1/2 auf 236 und Salzdetfurth von 198 auf 206 1/2 v. H.

Interessant sind offensichtlich auch die Reichsbankanteile geblieben, die von einer offensichtlich potenten Gruppe aufgekauft wurden, obwohl die Aussichten, daß die Reichsbank-Regelung noch in diesem Jahr erfolgen wird, keineswegs sehr groß sind. Der zuständige Bundestagsausschuß scheint sich an diesen Komplex nicht mehr heranmachen zu wollen. Der Kurs für die Reichsbank-Anteile schwankte zwischen 69 und 72 v. H. Bei der Dt. Asiatischen Bank gab es nach Bekanntwerden der Kapitalerhöhung etwas Nachfrage, die den Kurs auf 210 v. H. brachte. Da es sich in diesem Falle um ein fünfprozentiges Papier handelt, scheint das zweifellos sehr günstige Bezugsrecht bereits im Kurs enthalten zu sein. Überdies spricht die Börse davon, daß es für die Aktien der Bank einen (oder auch mehrere) Interessenten gibt.

Es ist vielleicht schon zu viel gesagt, wenn am Rentenmarkt von einer gewissen Entspannung gesprochen wird. Immerhin entfällt als Belastung jetzt das „Preusker-Sparen“, das nach Ansicht einiger Banken die Baukonjunktur wieder über Gebühr anheizen wird. Außerdem wirkt sich noch immer die freiwillige Emissionsbegrenzung für die festverzinslichen Werte wohltuend aus. Die erste Tranche der Phoenix-Rheinrohr-Anleihe (50 Mill. DM) konnte reibungslos placiert werden. Anfang Mai kommt mit dem gleichen Betrag und vermutlich auch zu den gleichen Bedingungen (acht v. H., Ausgabekurs 98 v. H.) Hoechst mit der bereits angekündigten Anleihe heraus. Zur Zeit befinden sich achtprozentige Anleihen der Stadt Kiel (10 Mill.) und dem Großkraftwerk Franken (20 Mill.) auf dem Markt. Ein für Anlage suchendes günstiges Papier scheint die 6 1/2prozentige Industriekreditbank-Anleihe von 1955 zu sein. Sie ist in den Jahren 1960 bis 1967 durch Auslosung zum Nennwert rückzahlbar und stieg in der vergangenen Woche um zwei Punkte auf 87 v. H. Unter Berücksichtigung der Auslosungschancen ergibt sich eine Rendite von etwa 9,5 v. H. Die Zinsen sind tarifbesteuert. Wessen Einnahmen aus Kapitalvermögen jedoch 600 DM jährlich nicht überschreiten, braucht sich um diese Seite der Angelegenheit ja nicht zu kümmern. – ndt