Ein Theater-Ballett von Mihalovici und Kuppel in Braunschweig

Im pseudoantiken Palazzo des braunschweigischen Staatstheaters bestimmen antike Helden die Stunde des modernen Bühnenspiels. Im vorigen Jahr war es Odysseus, der zweimal heimkehrte – einmal. komisch in einem französischen Schauspiel („Das purpurne Segel“), einmal tragisch in Rolf Liebermanns „Penelope“-Oper, beide Male transparent als Gegenwartsthema. In diesem Jahr – ist es Zufall oder Plan? – regiert Theseus die Sturide. Außer „Ariadne auf Naxos“, der Strauß-Oper, steht im Braunschweiger Opernspielplan die „Phädra“ von Marcel Mihalovici. Sie hätte als abendfüllende Ergänzung zu dem Ballett desselben Komponisten gepaßt: „Theseus im Labyrinth“ (dessen Uraufführung an einem reinen Ballettabend mit Boris Blachers „Mohr von Venedig“ gekoppelt wurde). Mihalovici hat in Braunschweig künstlerisch Heimatrecht erworben. Die Stadt, die sich so vorbildlich für Kammermusik einsetzt, verlieh dem rumänischen Pariser ihren Spohr-Preis. Mihalovici revanchierte sich mit dem Theseus-Ballett.

Es ist bemerkenswert zunächst als choreographische Konzeption und durch die Persönlichkeit seines Librettisten. Der Kritiker Karl Heinz Kuppel der für Mihalovici schon den Text zu der verschiedentlich aufgeführten Oper „Die Heimkehr“ schrieb, hatte eine luzide Idee. Ruppel stellt die Schrecken des Labyrinths, in dem Theseus das Ungeheuer Minotauros bekämpfen will, nicht durch bedrohliche Fabelwesen dar. „Dämonisiert wird die Stätte selbst, die Region des weglosen Ortes, die ihre Schrecken aussendet und die Opfer in die Höhle des Minotauros treibt.“ Damit ändert sich in dieser Handlung die Funktion des Tänzers. „Diese Tänzer stellen keine Figuren dar, sondern Raumelemente. Anders als etwa die Figuren in Glucks ,Orpheus‘, die als Wesen dem Eindringling den Weg in die Unterwelt verwehren wollen“, so schreibt der Librettist, „soll in unserem Ballett das Labyrinth als Ort die Gefährlichkeit des Unternehmens verdeutlichen.“ Die Abstraktion dieses tanzsymbolischen Gedankens ging auf der Bühne nicht restlos auf. Die Versuchung von Theseus’ Gefährten wirkte, es wirkten die Lust und die Liebe, also menschliche Elementarereignisse. Der getanzte Ort dagegen blieb ebenso wie Ariadnes Liebestragik Wille und Vorstellung. Auch die „Zeichen“, die der Bühnenbildner Otto Stich gesetzt hatte, waren unklar.

Gleichwohl verdient dieses Ballett, beachtet zu werden. Man könnte es noch anders inszenieren, als es Gertrud Pichl in Braunschweig tat. Außerdem besticht Mihalovicis Musik. Ihre strenge Form ist von Vitalität durchpulst, ist so vielgestaltig, geprägt und reich an tänzerischen Impulsen, daß sie choreographisch mit der Uraufführung noch keineswegs ausgeschöpft sein dürfte. Der Braunschweiger Ballettabend, von Heinz Zeebe dirigiert, war nicht nur als Initiative verdienstvoll. Er zeugte von der ernsten Arbeit an einem mittleren Theater und überraschte dadurch, daß Blachers Othello-Ballett, das in Wien und Berlin Aufsehen erregt hat, an musikalischer Substanz von Mihalovicis Theseus-Ballett hier in Braunschweig noch übertreffen wurde. Johannes Jacobi