gg., Hamburg

Posaunenklänge hört man selten auf der Reeperbahn. Junge Menschen spielten vor der Davidswache kirchliche Lieder. Ein Transparent zeigte an, daß hier „Das Gespräch des Monats“ des evangelischen Männerwerks der Landeskirche Hamburg stattfinden sollte. Immer mehr Zuhörer fanden sich ein: kleine Gruppen – junge Mädchen in Blackjeans, Burschen mit einem Haarschnitt wie Elvis Presley, dazwischen Hafenarbeiter, die gerade von der Schicht kamen – alle standen zögernd, manche spöttisch lächelnd.

Dann kam der Diskussionsredner Professor Engelbrecht. Er sprach über das Thema: „Wie macht man das, Glauben?“ Ein Helfer ging mit einem Handmikrophon durch die Zuhörerreihen, die sich jetzt schon geschlossener formierten, und jeder, der etwas auf dem Herzen hatte, konnte über das Mikrophon seine Frage an den Professor richten. Ein junger Mann: „Herr Professor, kann man denn überhaupt ohne Glauben leben?“ – Engelbrecht:„Jeder Mensch glaubt an etwas. Es braucht kein christlicher Glaube zu sein. Aber schon der Aberglaube ist ein Glaube.“ – Eine alte, verhärmte Frau: „Ich glaube an nichts mehr. Mein Sohn ist gefallen!“ – Ein Hafenarbeiter auf plattdeutsch: „Ik gleuw an dat, wat ik in de Lohntüt hew!“ Das Mikrophon wanderte zu einem blassen, ernsten jungen Mann: „Ich glaube an die Wiederkehr Christi.“ Und eine Dame, die nicht mehr ganz nüchtern war, meinte: „Ich glaube an die Liebe!“

Die Diskussion lief eifrig hin und her. Für und gegen. „Der Glaube steht schlecht im Kurs“, sagte der Professor. Doch wurden viele Menschen angesprochen, und die am Anfang der Versammlung so zurückhaltenden und spöttischen Gesichter waren nachdenklich geworden. Ein Hafenarbeiter, der noch seinen Zampel auf dem Rücken trug, meinte: „Ich hatte wenig Zeit. Kam gerade von Schicht. Hatte Hunger. Aber dann wurde die Sache so interessant, daß ich bis zum Schluß stehenblieb.“

Die Dunkelheit war hereingebrochen und die Leuchtreklamen der Vergnügungspaläste gaben eine eigenartige Kulisse für diese kirchliche Versammlung. Unter den Klängen eines Chorals löste sich die Menschentraube langsam auf und tauchte unter im Gewoge der Reeperbahn. Bis zum nächstenmal!