Von George Mikes

Unter dem Titel „Helden oder Lumpenpack“ veröffentlichte die englische Sonntagszeitung „Observer“ einen Brief des ehemaligen Ungarn George Mikes, der inzwischen als britischer Schriftsteller vor allem durch sein höchst amüsantes England-Buch „How to be an Alien“ bekannt geworden ist. Mikes nimmt seine ehemaligen Landsleute gegenüber denjenigen in Schutz – und solche gibt es nicht nur in England –, die sich von den „Ungarischen Frreiheitshelden“ allzu romantische Vorstellungen gemacht hatten und die nun nach fünf Monaten enttäuscht ins andere Extrem verfallen sind.

In letzter Zeit findet man immer häufiger in englischen Zeitungen größere Schlagzeilen, in denen verkündet wird, die ungarischen Flüchtlinge, die vor noch gar nicht langer Zeit so freundlich aufgenommen wurden, seien undankbar und wollten so schnell wie möglich wieder raus aus England; sie seien Störenfriede, Verbrecher und – nach dem Urteil einiger Bergleute in Yorkshire – „der Abschaum Ungarns“.

Wir haben gelesen, daß die Ungarn in den Flüchtlingslagern streiken, daß sie für weniger als 250 Mark in der Woche nicht arbeiten wollen und daß sie einige Polen, die sie für Russen hielten, auf der Straße verprügelt haben.

Vor kurzem noch sah es so aus, als gäbe es gar nicht genug ungarische Flüchtlinge. Einige Bürgermeister und Gemeinderäte schienen sehr besorgt, daß sie nur ja auch ihren Teil von den Flüchtlingen abkriegten, und sie ließen alle Beziehungen spielen, um sich wenigstens eine ungarische Familie zu sichern. Damals waren die Ungarn noch die romantischen Helden unserer Zeit: eine Nation von unzähmbaren Riesen, deren Jungen mit bloßen Fäusten russische Panzer angegriffen und besiegt hatten; Halbgötter, deren todesverachtender Mut das russische Imperium in seinen Grundfesten erschüttert hatte. Aber heute sind nun – durch Sensationszeitungen und Flüsterpropaganda – aus den Halbgöttern prahlerische Rüpel geworden, ein Haufen fauler, geldgieriger mitteleuropäischer Halbstarker, eine neue Geduldsprobe für die geplagten Engländer.

„Was ist nun richtig? Was soll man davon halten?“ Jeden Tag höre ich solche Fragen von englischen Freunden. Eine Antwort darauf kann nicht ganz kurz sein: Da ist also zunächst das Benehmen der Ungarn! Meiner Ansicht nach spielt es gar keine Rolle, ob wir finden, daß diese Leute sich „gut“ oder „schlecht“ benehmen. Und zwar deswegen nicht, weil der Westen an Ungarn eine Schuld wiedergutzumachen hat – und weil diese Ungarn Flüchtlinge sind, unglückliche Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Wir sollten alles für sie tun, was wir können – nicht weil wir es ihnen, sondern weil wir es uns selber schuldig sind. Solange. Engländer handeln wollen, wie man es von Engländern erwartet, können sie nicht einem Ungarn nur dann helfen, wenn er gute Tischmanieren hat.

Das düstere Bild von den heruntergekommenen Flüchtlingen ist freilich genauso falsch und verzerrt, wie das strahlende Bild von den heldenmütigen Halbgöttern falsch und verzerrt war. Nicht alle ungarischen Flüchtlinge sind Freiheitskämpfer, und nicht alle Freiheitskämpfer sind Engel. Wenn es zu unerfreulichen Zwischenfällen gekommen ist, so lag das jedoch meistens daran, daß es die Wohltäter an Geduld und Verständnis fehlen ließen. Geduld und Verständnis aber muß man in erster Linie von denen erwarten, die nicht zu fliehen brauchten, von den Gastgebern also.