Die Hauptversammlung der IGFarbeni.A.war vor eine schwere Entscheidung gestellt, als sie über die Genehmigung des mit der Jüdischen Weltorganisation abgeschlossenen Vergleichs über etwaige Ansprüche der im Auschwitzer Bereich beschäftigten KZ-Häftlinge zu befinden hatte. Im Grunde wurde hiermit die HV genauso überfordert, wie seinerzeit das Landgericht Frankfurt, als es im Wollheimprozeß ein Urteil fällen mußte. Das haben deutlich die Ausführungen des Sprechers der Opposition, Rechtsanwalt Gordon, auf der einen und die des AK-Vorsitzenden von Knieriem auf der anderen Seite, erkennen lassen.

Gordon wies darauf hin, daß die Liquidatoren, die den Vergleich vereinbarten, von ihren Ämtern zurücktreten werden und die Verantwortung für den Vergleich den Aktionären zuschoben. Von Knieriem wiederum sagte, daß selbst die stundenlange Debatte, die zweifellos zeitweise auf sehr hohem Niveau verlief, lediglich die Oberfläche des Problems ganz leicht anritzen konnte. Die Frage, um die es hier ging, aber sei unendlich schwer, die schwerste, vor der er jemals gestanden habe. Den Aktionären bliebe daher letzen Endes nichts anderes übrig, als Vertrauen zur Verwaltung zu haben, die die Annahme des Vergleichs anrate.

Die Bedenken gegen den Vergleich beruhen vor allem darauf, daß sein Risiko der Höhe nach nicht bekannt ist. Darüber hinaus können von ihm Fernwirkungen ausgehen, deren Tragweite im Augenblick noch niemand zu ermessen vermag. Immer neue Gruppen von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern melden privatrechtliche Forderungen an. Daher wollte die Opposition den Wollheimprozeß vor dem Gericht bis zur völligen Klärung ausgetragen wissen. Auf solche Weise würde die Verantwortung von der HV wieder auf das Gericht zurückverlagert. Ob dies gut gewesen wäre, weiß niemand zu sagen. So wie die Dinge jetzt gelagert sind, besteht jedoch die Chance, daß bei dem politischen Gewicht, das der eine Vergleichspartner, nämlich die Jüdische Weltorganisation, hat, die Glut ausgetreten wird, bevor sie sich zur Flamme entwickelt. So hoffen jedenfalls die Liquidatoren!

Die Situation ist also alles andere als einfach, Das aber ist die Folge davon, daß der Bund selbst nämlich nicht für die Forderungen des Reiches eintritt, es sei denn, daß er eine Verpflichtung für sich ausdrücklich in einem Gesetz oder in einem Vertrag anerkennt. Nur so konnte es dazu kommen, daß die IG, vielleicht morgen auch irgendein anderes Unternehmen, privatrechtlich in Anspruch genommen wird. Die HV der IG Farben i. A. hat den Vergleich, in dem sicherlich versucht ist, soweit dies irgend geht, alle Risiken zu begrenzen, trotz aller Bedenken mit großer Stimmenmehrheit angenommen. W.K.