RH., Hamburg

Am Millerntor auf St. Pauli steht ein großes Zirkuszelt, von bunten Fahnen umflattert wie ein mittelalterlicher Turnierplatz. Und Turnier nennt sich auch, was hier stattfindet. Aber nicht Ritter zu Pferde liefern sich hier ein „Gestach über die Schrägen“, sondern Catcher siegen oder unterliegen im Ring.

Tribünenartig aufgebaute Holzbänke umgeben ihn in vielen Reihen. Das Zelt faßt etwa fünftausend Zuschauer. Die ersten drei Bankreihen sind mit rotem Polster belegt und am teuersten, weil man dort ganz genau alles erkennen kann, was passiert. Wer es leichter haben möchte, ab und zu wegzusehen, kann es billiger haben. Er wird oft genug seinen Blick vom Ring wegwenden; denn gegen das, was da oben geboten wird, sind Boxen und stilgerechtes Ringen Säuglingsgymnastik.

Der abgelenkte Zuschauer blickt wieder zum Ring, wo soeben einer der Kämpfer vom Kampfleiter eine Verwarnung bekommt. Der nicht ganz abgebrühte Zuschauer hat also offenbar gut daran getan, wegzusehen. Im Programm kann er sich aussuchen, was er versäumt hat. Dort ist aufgezählt, was verboten ist: der Tiefschlag, die Absicht, die Augen zu verletzen, einzelne Finger umzubrechen, das Treten unterhalb der Gürtellinie.

Der Kampf geht weiter; zu sehen ist zumeist Erlaubtes. Und das ist nicht wenig: erlaubt sind alle Griffe vom Scheitel bis zur Sohle; der Gegner darf angesprungen, aus dem Ring geschleudert und k. o. geschlagen werden. Da das Haar oberhalb des Scheitels, also in der verbotsfreien Zone, sitzt, geht soeben ein Tumult los: ein wendiger, schmaler Kraftmensch hat den gegen ihn anrennenden Fettkoloß an den Haaren gepackt, damit der ihn nicht noch einmal beißen kann. Aber der – kaum freigekommen – springt herum, hebt seinen Gegner so hoch er reichen kann und schmettert ihn flach auf die Bretter. Da liegt er und faßt sich an den Hinterkopf. Man möchte meinen, daß bei solchem Sturz eine Gehirnerschütterung unvermeidlich ist. Aber hier ist offenbar nichts zu erschüttern.

Der Wendige ist schon wieder aufgesprungen, federt kurz mit beiden Füßen auf und springt dem Dicken mit beiden Stiefeln so vehement gegen die Brust, daß der über die Seile kippt. Schwupps ist er wieder drinnen und will sich rächen, denn: besiegt ist, wer nach einem Sturz aus dem Ring nicht innerhalb von zehn Sekunden wieder im Ring steht.

„Pause, meine Herren“, ertönt da eine sanfte Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Eine der fünf (je vier Minuten dauernden) Runden ist beendet. Die Athleten begeben sich in die Ecken, wo Gehilfen mit bunten Frottiertüchern bereit stehen. Diese machen in ihren weißen Kitteln und den saubergebürsteten Scheiteln den Eindruck braver Friseurgesellen, nur, daß sie an den athletischen Helden, denen so furchtbar heiß ist, weniger Anteil zu nehmen scheinen, als ein Friseur beim Haarschneiden an seinem Kunden.