„Der Großraum ist billiger als der Kleinraum. Menschenwürde aber ist veraltet und stammt aus jener Zeit, als die Straßenbahnen noch modern waren.“ In Nummer 13 der ZEIT hatte unser Wuppertaler Korrespondent diese Attacke gegen die Großraumwagen der Straßenbahnen geritten. Ein kühner Streiter für das Wuppertaler Verkehrsunternehmen meldete sich daraufhin – aus Schweden. In Saltsjöbaden träumte Teut Wallner diesen wirklich schreckenerregenden „Angsttraum eines Großraumwagenfahrgastes“, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.

Als die Gewaltigen der Wuppertaler Straßenbahn die Glosse „Im Großraumwagen“ gelesen hatten, schämten sie sich ihrer Fortschrittsgläubigkeit, streuten Asche auf ihr Haupt, ließen flugs die neuen Großraumwagen verschrotten und führten reumütig die alten und überaus beliebten Wagen wieder in ihre alten Rechte ein.

Damit war der verletzten Menschenwürde Genüge geschehen: Der Funktionär am Führerstand durfte seine anstrengende und verantwortungsvolle Aufgabe wieder stehend ausführen, was ihm die Arbeit sehr erleichterte der Funktionär mit der großen Geldtasche vor dem Bauch durfte sich wieder durch die überfüllten Wagen quetschen, den Fahrgästen auf die Zehen treten, ihnen mit seiner Tasche die Knöpfe vom Mantel reißen und zwischen Tür und Angel geschickt eingeklemmt Balanceakte ausführen, um selber auch mitzukommen.

Weiterhin konnte man wieder „schwarz“ fahren; und keiner der Fahrgäste war mehr gezwungen, alten Leuten und Müttern mit Kinderwagen zu helfen, denn das ist unter der Menschenwürde; dafür hat man ja wieder die bezahlten Funktionäre.

Statt der höflichen Mikrophonstimme schreit oder murmelt – je nach Temperament–der Schaffner wie in der guten alten Zeit in unverständlichen Lallauten die Stationen aus für die, die das unvorhergesehene Glück hatten, im Kleinraumgefährt überhaupt mitzukommen ( zur Not auf dem Trittbrett). Die Zurückbleibenden warteten geduldig und diszipliniert auf den nächsten überfüllten Kleinraumwagen und opferten ihrer Menschenwürde gern ein halbes Stündchen ihres Feierabends.

Da die Straßenbahn nun wieder modern war, gab es auch keine verhaßten vollautomatischen Türen mehr, und da zur Menschenwürde auch das Recht auf Freiheit der Entscheidung gehört, konnte man wieder zu jeder beliebigen Zeit ein- und aussteigen – auch während der Fahrt. Und man konnte sich dabei wieder wie früher die Arme, Beine oder auch das Genick brechen, ganz nach Belieben und im Namen der Menschenwürde oder wenigstens dessen, was der Feind der Großraumwagen dafür hält.