Die jungen Mädchen scheuen gar nicht so sehr die typisch-weiblichen Berufe, wie z. B. den der Krankenschwester oder der Hausgehilfin, erklärte kürzlich die Leiterin der Berufsabteilung eines großen Arbeitsamtes auf einer Tagung. „Es ist nicht wahr, daß sie sich vom Fürsorglichen ganz abgewandt haben. Aber wenn junge Mädchen zu uns kommen und ‚den Haushalt lernen‘ möchten, dann haben wir zumeist keine Hausfrauen, beidenen man etwas lernen kann.“ Bei der Krankenpflege wird nicht der Beruf, die Tätigkeit, abgelehnt, sondern die Arbeitszeit, die schlechte Entlohnung, bei der man keine Ersparnisse für die Aussteuer machen, könne, und die Tatsache, daß man als Krankenschwester nur schwer in der Lage ist, auch nach der Heirat noch berufstätig zu sein. Nicht die Mädchen müßten anders werden – die Gesellschaft müsse sich in ihren Anforderungen an sie ändern. Solange das nicht der Fall sei, brauche man sich nicht zu wundern, wenn sich immer mehr junge Mädchen der Fabrikarbeit zuwendeten.

Auch in diesen Wochen werden wiederum Tausende junger Mädchen, meist 14jährig, selten älter, in die Fabriken hereinkommen. Sie werden also in einem Alter, in dem sie naturgemäß körperlich und seelisch labil und deshalb schonungs- und schutzbedürftig sind, quasi ohne Übergang aus der Welt der Kindheit in die Welt der Erwachsenen versetzt. Und weil die allermeisten dieser jungen Mädchen, die unter die Kategorie „Hilfsarbeiterinnen“ fallen, schon nach relativ kurzer Zeit dieselben Leistungen wie die Erwachsenen zu erbringen vermögen, werden sie im Betrieb auch zumeist als solche behandelt – und fühlen, sich selber als ihnen ebenbürtig.

Wie die jungen Mädchen den Betrieb erleben, ist individuell verschieden. Aber eine Reihe von Faktoren trifft im wesentlichen für alle jungen Industriearbeiterinnen in gleicher Weise zu. Während sich die Mädchen, die sich nach der Schulentlassung aus den allgemeinbildenden Schulen zur Vorbereitung wiederum auf eine Schule begeben und langsam in die Welt der Erwachsenen hineinfinden können (was ja auch zumeist für die Mädchen zutrifft, die eine Lehre durchmachen, für jene, die in der persönlicheren, viel mehr auf den Umgang mit Menschen eingestellten Atmosphäre von Handel und Büro tätig sind), hat sich das Mädchen in der Fabrik von heute auf morgen der Welt der Erwachsenen anzupassen. Es kann nicht seinem – noch ständig wechselnden – Rhythmus folgen, sondern wird in den genormten Rhythmus eingespannt.

Daß das nicht ohne Komplikationen abgeht, liegt auf der Hand. Zwangsläufig versucht sich das Mädchen in seiner Unsicherheit und Hilflosigkeit der Welt der Erwachsenen – fast gewaltsam – anzupassen: in Kleidung, Auftreten und vor allem auch im Leben außerhalb des Betriebes. Überhaupt wird „das Leben außerhalb des Betriebes“ sehr schnell zum „wahren Leben“ der jungen Arbeiterinnen. Denn die monotone Arbeit, bei der keine Schwierigkeiten mehr zu überwinden, also auch keine besondere Anerkennung für Können und kaum ein Aufstieg zu erwarten sind, befriedigt nicht. Zwar sind viele der Mädchen durchaus nicht unzufrieden mit ihrer Arbeit, um so mehr, als die meisten ja darauf hoffen, bald zu heiraten. Deshalb möchten sie möglichst schnell, bequem und viel verdienen. Trotzdem fühlen sie sich sozial nicht anerkannt, haben Minderwertigkeitsgefühle. Die einen werden dann aggressiv, die anderen resignieren. Nur wenige finden eine eigene Mitte.

Manche Betriebe haben schon erkannt, wie wichtig es für sie selbst und für die menschliche Entwicklung der ihnen anvertrauten jungen Mädchen ist, ihnen das Gefühl für den Wert der Arbeit, ein gesundes Selbstgefühl und die Möglichkeit zur Weiterbildung zu geben. Zwar scheiden vielleicht viele der jungen Mädchen schon nach einigen Jahren wieder aus. Aber dann sind sie vielleicht da Frauen ihrer Arbeiter geworden und haben insofern einen nicht gering zu veranschlagenden indirekten Einfluß auf den Betrieb.

Weil sich der junge Mensch in erster Linieam Vorbild orientiert, ein Vorbild haben will, ist die sorgfältige Auswahl der Vorgesetzten die wesentliche Voraussetzung für das Verhältnis, das das junge Mädchen zum Betrieb findet. Selbstverständlich hat auch das Verhalten der älteren Kolleginnen einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Vierzehnjährigen, die von verantwortungsbewußten und geschulten Vorgesetzten ganz erheblich gesteuert und beeinflußt werden kann. Bei richtiger Unterweisung zu Beginn der Arbeit wird am schnellster, und gleichmäßigsten eine optimale Leistungshöhe erreicht, und die Kosten der Einarbeitungszeit stellen sich bei einer guten Unterweisung am niedrigsten. Notwendig ist – um der Frühinvalidität vorzubeugen – auch eine individuelle, der Leistungsfähigkeit angepaßte Zuweisung des Arbeitsplatzes da die Mädchen in diesem Alter konstitutionell noch sehr große Unterschiede aufweisen. Auch ein Wechsel der Tätigkeit im Verlauf des Tages könnte zur Vermeidung von Frühinvalidität beitragen, Gerade für das große Heer der Hilfsarbeiterinnen, bei denen die lärmvolle unpersönliche Maschinenwelt jeglichen schöpferischen Impuls abtötet, die Fähigkeit zum eigenen Urteil und Handeln und die Gemütswerte verkümmern läßt, ist es später oft problematisch, den Aufgaben in Ehe und Familie gerecht zu werden. Die Behauptung, die „heutigen jungen Mädchen“ seien an Fragen des Haushalts und der Kindererziehung ja gar nicht interessiert, ist durch die Erfahrung, die z. B. die Firma Bosch gemacht hat, widerlegt worden. Bosch hat Kurse eingerichtet, in denen sich die Mädchen in durchschnittlich jeweils zehn Abenden von je zwei Stunden Kenntnisse in Kochen, Säuglingspflege, Krankenpflege, im Nähen, der zweckmäßigen und wirtschaftlichen Einrichtung einer Wohnung erwerben können. Bei regelmäßigem Besuch wird die Kursgebühr von acht Mark von der Firma bezahlt. Die Kurse sind sehr gefragt. Hanne Huber