Freiburg, im April

In der Schweiz geht es einem manchmal so: Schneebedeckte Berggipfel, blaue Seen, grüne Matten und Kuhherden – man glaubt, durch eine Riesenreklame für Vollmilchschokolade zu fahren. An der Côte d’azur oder an der Riviera gibt es Augenblicke, in denen es scheint, daß zuerst die Postkarten da waren – nach Entwürfen phantasiebegabter Fremdenverkehrswerber – und nach dem Postkartenvorbild die Landschaft modelliert wurde. Eine Fahrt in den Schwarzwald ist ein Blättern in Reiseprospekten.

Und das Überraschende dabei: Es ist alles echt. Die waldigen Schluchten, die sonnigen Hochtäler, die steilragenden Berge, die schäumenden Wasserläufe. In den stattlichen Schwarzwälder Bauernhöfen wohnen tatsächlich Bauern, und die weidenden Herden an den Berghängen sind erst in zweiter Linie für photographierende Touristen da; ihr Hauptzweck ist immer noch, Milch zu geben. Die altüberlieferten bunten Trachten werden auch dann angezogen, wenn kein Heimatfilm gedreht wird.

Das muß man wissen, wenn sich auf den kurvenreichen Schwarzwaldstraßen beinahe von Minute zu Minute neue Ausblicke bieten. An jeder Biegung halten Wagen: „Genau wie im Reiseprospekt...!“ Aber er ist wirklich echt, der ganze Schwarzwald, 150 km „lang“ und 50 bis 75 km „breit“. Deshalb ist eine Fahrt in den Schwarzwald kein Risiko, aber immer eine Überraschung. Wenn der erste Schock über soviel „Natur“ überwunden ist, beginnt die Freude.

Das amtliche Gemeindeverzeichnis für das Schwarzwaldgebiet könnte ohne Streichung oder Korrektur als Ortsnachweis in einen Reiseführer übernommen werden. Das erschwert die Reiseplanung. Aber man kann auch mit geschlossenen Augen irgendeine Seite aufschlagen, den Ort auf der Karte suchen und losfahren. Hier kann ein solches Experiment nie schiefgehen: Ob man nun auf Baden-Baden, Freudenstadt, Freiburg, Titisee, St. Blasien, Bühlerhöhe, Höchenschwand oder Todtmoos getippt hat. Oder auf Badenweiler, wo im neuen Thermal-Hallenschwimmbad im Becken eine Sitzbank eingebaut ist für „Unterwässer-Zeitungsleser“. Der Gedanke ist nicht neu. Schon im 17. Jahrhundert wurde in den Holzzubern getafelt und Karten gespielt.

Wo es einem zur Zeit am meisten „zwickt“, kann auch die Auswahl erleichtern: Rheuma, Ischias, zu hoher Blutdruck oder Kreislaufstörungen. Heilung und Gesundheit versprechen Dürheim, Griesbach, Krozingen, Liebenzell, Peterstal, Teinach oder Wildbad. Passionierte Angler werden ihr Reiseziel nach ihrem „Lieblingsfisch“ aussuchen. Wer die Forellenjagd liebt, geht nach Schönmünzach, Klosterreichenbach oder Herrenalb.

Aber diese Dinge aufzählen, heißt eigentlich „Kuckucksuhren in den Schwarz wald tragen“. Dagegen müssen die Schwarzwaldfahrer auch einmal eindringlich gewarnt werden: Der Schwarzwald hat einen großen Nachteil, der nicht zu reparieren ist. Er liegt nämlich an den großen Nord–Süd- und Ost–West-Verbindungen, an den Durchgangsstraßen nach Italien, Österreich und der Schweiz. Deshalb wird Deutschlands größtes Mittelgebirge meist „durchfahren“. Der Schwarzwald sollte aber nicht nur „durchfahren“ werden.