G. Z., Karlsruhe

Drei Menschen mußten sterben, weil am Steuer eines Lastzuges ein übermüdeter Fahrer saß. Aber der 23jährige Manfred Weißflog, der am 3. Oktober 1956 mit einem Autotransportzug auf der Autobahn Frankfurt–Karlsruhe bei Bruchsal auf eine Kolonne haltender Fahrzeuge auffuhr und dabei drei Menschen tötete und vier schwer verletzte, ist nicht allein schuldig. Mitschuldig an der Tragödie bei Autobahnkilometer 601 ist ein Fuhrunternehmen, das unbedingt seine „Termine halten“ und sich keinen Auftrag entgehen lassen wollte. Drei Menschen mußten sterben, weil eine Fuhrunternehmerfamilie nicht genug bekommen konnte vom „Wirtschaftswunderkuchen“.

Deshalb saßen jetzt auch die Inhaber der Münchener Transportunternehmens Bach-KG mit auf der Anklagebank: Um möglichst viele Aufträge zu schaffen, waren bei der Bach-KG „Gewaltfahrten“ zur Gewohnheit geworden. Bis zu 72 Stunden ununterbrochen waren die Fahrzeuge unterwegs. Dem Chef der Transportfirma, Josef Bach, waren die Arbeitszeitbestimmungen seines Gewerbes nur dem Namen nach bekannt. Keiner der Bach-Fuhrunternehmer wußte eine Antwort, als sie während des Prozesses gefragt wurden: „Was ist zu tun, wenn eine Fahrt eines Ihrer Lastzüge länger als 24 Stunden dauert?“ Sie hörten es zum ersten Male im Gerichtssaal, als es zu spät war: Neun Stunden Dienst am Steuer – zweimal 4 1/2 Stunden – und drei Stunden Bereitschaft ist das Höchste, was einem Fernfahrer zugemutet werden darf. Wenn zwei Fahrer einem Fahrzeug zugeteilt sind, darf die Arbeitszeit 24 Stunden betragen; danach aber müssen zehn Stunden ununterbrochener Ruhezeit folgen.

Und was hatten Manfred Weißflog und Herrmann Bach, die den Transporter fuhren, hinter sich? In der 36. Stunde der Arbeitsschicht – Weißflog völlig übermüdet am Steuer – geschah das Unglück. „Der eindeutige Verstoß gegen die Arbeitszeitbestimmungen im Güterfern Verkehrswesen ist die Entstehungsursache des Unfalls“, erklärten die Sachverständigen. Das Karlsruher Schwurgericht hat am Wochenende mit seinem Urteil ein Exempel statuiert. Nicht nur die beiden Fernlastfahrer, auch die Fuhrunternehmer, die für die „Langstreckenfahrten“ ihrer Lastzüge verantwortlich waren, wurden wegen fahrlässiger Tötung verurteilt: die Fahrer Manfred Weiß flog und Herrmann Bach zu 18 Monaten und 15 Monaten Gefängnis, die Transportunternehmer Josef und Juliane Bach zu je 9 Monaten Gefängnis und der Geschäftsführer der Bach-KG, Josef Singer zu 6 Monaten Gefängnis.

Dieses Urteil ist ein Warnungsschuß vor den Bug der Fernlaster. „Wer ein Transportunternehmen leitet, ist dafür verantwortlich, daß nicht durch Arbeitszeitüberschreitung der Fahrer Unfälle verursacht werden“, erklärt das Gericht. Und die Sachverständigen kommentierten: „Dieser Prozeß hat einen Sumpf aufgewühlt. Gegen die Arbeitszeitbestimmungen des Güterfernverkehrs wird am laufenden Band verstoßen.“