Vorwürfe aus Moskau, Prag und Budapest – Der Ballhausplatz zeigt „gemütliche Würde“

Wien, im April

Es ist interessant, zu beobachten, wie im Augenblick der gesamte Sowjetrußland vorgelagerte, aber von ihm nicht beherrschte Raum unter dem Sperrfeuer russischer Propaganda und Drohungen liegt. Schweden wird „Spionage und Diversion“, Norwegen und Dänemark seine Militärpolitik, Jugoslawien seine „blocklose Ausrichtung“, Österreich die Mißachtung seiner Verpflichtungen als neutrales Land vorgeworfen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die sowjetischen Taktiker von einer bestimmten Grundvorstellung ausgegangen sind, als sie diese aggressive Welle auslösten; aber es wäre eine gefährliche Vereinfachung, anzunehmen, daß es hier nicht eine Unzahl von Differenzierungen und Motivierungen gibt, die für sich gewogen und beurteilt werden müssen.

„Deportation“ nach USA

Was die Angriffe auf Österreich anbelangt, so liegt offensichtlich ein Spiel mit verteilten Rollen vor. Die propagandistische Hauptlast trägt die CSR, deren Rundfunk sich auf eine Art bohrender Gehässigkeit gegenüber der Alpenrepublik spezialisiert hat. Die Ungarn sekundieren mit ihren monotonen Beschwerden. Noch immer wird Österreich die Unterstützung der „Konterrevolution“ vorgeworfen. Ferner wird behauptet, daß es die „Deportation“ geflohener Ungarn nach den USA und anderen westlichen Ländern begünstige, die Heimkehr ungarischer Kinder verhindere und in den Lagern faschistische Propaganda betreibe oder zumindest dulde. In diesem Chor ertönt von Zeit zu Zeit ein Baß ganz anderer Lautstärke; die Moskauer „Prawda“ greift die Vorwürfe auf, verdichtet sie und warnt.

Wie reagiert der Ballhausplatz, wie die Öffentlichkeit auf diese Kampagne? Der durchschnittliche Österreicher erfährt von diesen Angriffen nur indirekt. Niemandem fällt es ein, kommunistische Sendungen in deutscher Sprache abzuhören; und wenn man aus dem Osten Unfreundliches vernimmt, so erstaunt es einen nicht weiter. Man geht zur Tagesordnung über.

Die Regierung allerdings verfolgt die gegen sie gerichtete Kampagne sehr aufmerksam, legt, jedoch ebenfalls eine gelassene Haltung an den Tag, die man am ehesten mit „gemütlicher Würde“ bezeichnen könnte. Sie steht fest, wo sie es für notwendig hält, aber sie vermeidet jede Dramatik und zeigt in Einzelfragen gern Toleranz.