Die „DDR“, die sich offenbar der Tatsache bewußt ist, daß sie als politischer Partner wenig attraktiv ist, verlegt sich jetzt auf Kulturpropaganda mit „fremden Federn“. In Rom, wo die „DDR“ keine diplomatische Vertretung hat, wurde jetzt ein „Thomas-Mann-Zentrum“ gegründet, dessen Financier Bechers Kulturbund ist, und das Heinrich Heine als Vorläufer des Kommunismus feiert. Dieses Zentrum wird Reisen in die Sowjetzone arrangieren und versuchen, das Interesse der Linksintellektuellen Italiens anzuregen, was ihm gewiß besser gelingen wird als der bundesrepublikanischen „Deutschen Bibliothek“, die versucht, abseits der großen geistigen Auseinandersetzungen, vorwiegend mit musikalischen Darbietungen, das geistige Leben Deutschlands zu illustrieren. Rom, Anfang April

A denauer sagte, als er in Rom war: „Meine Herren, beachten Sie die deutsche Kulturarbeit im Ausland! Wir müssen unsere kulturelle Zugehörigkeit zum Westen hervorheben!“ Auf die Kulturpropaganda, die Pankow seit kurzem mit Hilfe italienischer Linksintellektueller und Kommunisten in Rom organisiert, schien Adenauer nicht anzuspielen. Vielleicht hat er davon nichts gewußt.

Dabei ist die Aktivität des sowjetdeutschen „Staates“, den Italien de jure nicht anerkannt hat, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Erst in diesen Tagen ist in Rom ein schon im Januar gebildetes Komitee italienischer „Kulturschaffender“ ans Tageslicht getreten, das sich die Aufgabe gestellt hat, „die direkte Kenntnis der heutigen politischen und kulturellen deutschen Wirklichkeit in Italien und umgekehrt die Kenntnis des italienischen Lebens und seiner Kultur in Deutschland zu vertiefen.“ Zu diesem Zweck soll ein „Centro Thomas Mann“ gegründet werden.

Was sich hinter diesen harmlos klingenden Sätzen verbirgt, die aus der Einleitung des Werbeprospekts des Komitees zitiert wurden, ist unschwer zu erkennen, wenn man den übrigen Text liest. Das geplante Thomas-Mann-Zentrum wird, so heißt es da, besonders den Kontakt mit jenem Teil der deutschen Kultur und Wissenschaft wieder. anknüpfen, der dadurch isoliert ist, daß „zvischen Italien und der DDR keine diplomatischen Beziehungen bestehen“. Geplant sind: die Einrichtung einer Diskothek (Schallplattensammlung) und einer modernen Bibliothek. Dem italienischen Publikum sollen die neuesten Fachzeitschriften technischer und wissenschaftlicher Art zu: Verfügung stehen. Außerdem sollen Studienreisen in die sowjetische Zone Deutschlands organisiert werden. Nicht genug damit: es ist auch die Rede von der „Förderung der Handelsbeziehungen zvischen Italien und der DDR, die auch heute noch nicht den Möglichkeiten und Interessen beider Länder entsprechen“. Der Promotor dieser Geschäftigkeit ist kein anderer als der rührige, oft nach Ostberlin reisende Leiter der Libreria Rinascita, einer großen Buchhandlung, die im römischen Hauptquartier der kommunistischen Partei Italiens in der „Straße der dunklen Budiken“ ihren Sitz hat. Ihr Spezialgebiet: Marxistische Klassiker und Literatur aus kommunistischen Ländern. Als Präsident der Vereinigung ist, wie man hört, der Ordinarius für Geschichte der Philosophie, Professor Galvano della Volpe, vorgesehen, ein orthodoxer Marxist, eines der intellektuellen Paradepferde der italienischen KP. Der Finanzier des Unternehmens aber ist Johannes R. Bechers „Kulturbund für die demokratische Erneuerung Deutschlands“ in Ostberlin. Von dort ist auch das Material zu einer Heinrich-Heine-Ausstellung gekommen, die kürzlich im Palazzo Marignoli, dem Haus der römischen Presse, zu sehen war. Diese geschickt arrangierte, mit Reproduktionen zeitgenössischer Stiche und Radierungen belebte Schau – sie soll jetzt in mehreren anderen italienischen Städten gezeigt werden – präsentierte Heine als einen Vorläufer des Kommunismus, eine listige Verfälschung, die homöopathisch dosiert und sorgfältig auf die Neigungen der italienischen Linksschwärmer aller Couleurs abgestimmt war. Nur auf einer einzigen Schautafel, die das Leben und Wirken des Dichters illustrieren sollte, wurde die Propaganda plump: „Wenige Monate vor seinem Tode, am 30. März 1855, schrieb Heine“ – so war dort zu lesen – „das Vorwort zur französischen Ausgabe der ‚Lutetia‘. Er charakterisierte darin die politische Grundhaltung, der er sein Leben lang treu geblieben ist, und die Methoden seiner politischen Publizistik. In diesem Vorwort gab der sterbende Dichter sein ergreifendes Bekenntnis zum kommenden Sieg der Kommunisten.“ Dies, obwohl Heinrich Heine deutlich genug ausgesprochen hat, wie er über den damals. entstehenden Kommunismus dachte: „Mich beklemmt“, so schrieb er, „die geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsere ganze Zivilisation, die mühselige Errungenschaft so vieler Jahrhunderte, die Frucht der edelsten Arbeit unserer Vorgänger durch den Sieg des Kommunismus bedroht sehen... Für die Schönheit und das Genie wird sich kein Platz finden in dem Gemeinwesen unserer neueren Puritaner, und beide werden fletriert und unterdrückt werden, noch weit betrübsamer als unter dem älteren Regime.“

Bechers italienische Beauftragte haben ehrgeizige Pläne. Sie planen eine Käthe-Kollwitz-Ausstellung, eine Schau moderner Malerei aus Sowjetdeutschland. Sie wollen ferner den Thomaner-Chor aus Leipzig und das Orchester der Berliner Staatsoper nach Rom holen.

Gegenüber dieser mit den italienischen Gesetzen nicht in Konflikt stehenden Konkurrenz – die Veranstalter sind ausschließlich Italiener – nimmt sich das Programm der Deutschen Bibliothek recht dürftig aus. Es hat in den zwei Jahren ihres Bestehens nur ein schwaches Echo im italienischen Publikum gefunden. Die musikalischen Darbietungen nehmen in ihm einen allzugroßen Platz ein. Attraktive Ausstellungen fehlten bisher ganz. Zu viele Vorträge, die dort veranstaltet werden, liegen, weil sie künstlerischen und kulturellen Detailfragen gewidmet sind, abseits der großen aktuellen geistigen Auseinandersetzungen. Und nur diese Themen würden die italienische Intelligenz anlocken, die über Deutschland noch immer skeptisch denkt. Die Intellektuellen zu gewinnen, das wäre aber doch wohl hauptsächlich der Sinn und Zweck dieses Instituts. Die von Pankow ferngelenkte Offensive läßt die – vom Bundeskanzler selbst gewünschte – Aktivierung der deutschen Kulturarbeit in Rom doppelt notwendig erscheinen.

Azio de Franciscis