R. Str., Bonn, im April.

Hat sich der SPD-Abgeordnete Wehner nur im Ausdruck vergriffen (was jedem, zumal in der Erregung, passieren kann) oder zog er den Vergleich zwischen Schröder und – Wyschinski in wohlbedachter Absicht? Denn ob er schon die beiden Personen: den ehemaligen sowjetrussischen Generalankläger und den deutschen Bundesinnenminister oder nur deren Methoden miteinander vergleichen wollte (wie dies Erich Ollenhauer später erklärte), das tut nicht viel zur Sache. Der Massenmörder Wyschinski, der in vielen Schauprozessen jene seiner Genossen, die dem Diktator jeweils mißliebig waren, skrupellos in ihr Verhängnis hineinmanövrierte, gehört moralisch in die Kategorie der Freisler, Heydrich, Himmler, Kaltenbrunner. Ihn – in welchem Zusammenhang auch immer – mit einem westdeutschen Politiker zu vergleichen, ist nicht nur eine Beleidigung für den Betroffenen, sondern für unser Parlament schlechthin. Und was das Format Wyschinskis betrifft, dem Wehner ausdrücklich eine andere Größenordnung zubilligte – nun, Format hatte der Teufel Wyschinski zweifellos; es war ein Format, um das kein ehrenwerter Mann einen solchen Unhold beneidet.

Ist dem Abgeordneten Wehner nur die Zunge ausgerutscht – warum hat er sich dann nicht sofort entschuldigt und sich von dem mißratenen Ausdruck distanziert? Er blieb stumm und verdrossen.

Die ZEIT hat die Ausbreitung von Reminiszenzen, die die politische Vergangenheit des Abgeordneten Wehner betrafen, vor kurzem energisch kritisiert. Es ist aber notwendig, mit der gleichen Scharfe den Angriff Wehners auf Schröder zurückzuweisen, mag auch der Chor unserer Kritiker in diesem Fall ebenso verärgert sein, wie er in jenem war, nur diesmal auf der anderen Seite.

Der Wahlkampf sollte mit Argumenten geführt werden, nicht mit Verunglimpfungen. Beleidigungen schaffen nicht die Voraussetzung für eine vernünftige politische Willensbildung.

Eine Frage an die SPD: Warum hat man in diesem überhitzten Klima bei der Debatte über die Amnestie ausgerechnet den Abgeordneten Wehner sprechen lassen? Die Folgen waren leicht vorauszusehen. Und schließlich gab es ja auch, wenn wir richtig informiert sind, in der SPD-Fraktion selbst Warner, die Wehner gerade an diesem Tage nicht herausgestellt wissen wollten. Aber dann setzten sich wohl wieder einmal jene Scharfmacher durch, die immer dazu neigen, einseitige und radikale Argumente für einzig richtig, weil wirkungsvoll zu (alten.

Übrigens hätte der amtierende Bundestagspräsicent Dr. Schneider durch eine angemessene, rasch verhängte Ordnungsstrafe die aufwallenden Gefühle dämpfen können. Das Haus tobte. Und Schneider ließ sich von dieser Situation so sehr überraschen, daß er ihrer nicht mehr Herr werden konnte...