Die Erscheinung Ezra Pounds ist von politischen Miseren unserer Zeit umwittert. Das Leben dieses großen amerikanischen Lyrikers ist seit langem von ihnen verdunkelt. Auch sein Hauptwerk erzählt davon:

Ezra Pound: „Pisaner Gesänge“, zweisprachige Ausgabe, übertragen von Eva Hesse. Verlag der Arche, Zürich; 247 S., 11,80 DM.

Gerade sie sind einer makabren Umwelt abgewonnen, einem Straflager der amerikanischen Armee bei Pisa, in das Pound wegen seiner während des letzten Krieges gegen Roosevelt gehaltenen römischen Radioreden geworfen wurde. Er hauste in jenem KZ unter den menschenunwürdigsten Bedingungen, zusammen mit Kriminellen und und Asozialen. Er fristet nunmehr in einer staatlichen amerikanischen Anstalt für „.kriminell veranlagte Wahnsinnige“, in die man den Unbequemen steckte, sein Leben, derselbe Pound, der vor einiger Zeit mit einem der bedeutendsten Preise ausgezeichnet wurde, die die USA zu vergeben haben, dem Bollingen-Preis, eine Tatsache, die das Durcheinander um die Gestalt Pounds auf die Spitze trieb. Der Preis galt dem Autor der „Pisan Cantos“, die eine Reihe großer Gesänge fortsetzen, deren erster bereits im Jahre 1920 geschrieben wurde und die die letzten dreißig Jahre eines siebzigjährigen Lebens begleiteten.

Es ist schwer, das ungemein Komplexe, Schwierige, Vielschichtige dieser Dichtungen in Kürze darzustellen. Pound selber hat seine Arbeitsweise eine ideogrammatische genannt. Es ist ein Gebäude, das aus einer Unsumme sehr verschiedenartiger Details errichtet wurde: ein Monument zeitloser menschlicher Existenz, wenn auch vieles, das meiste der Epoche abgewonnen wurde. Die „Pisaner Gesänge“ könnte man als „philologische“ Dichtung insofern bezeichnen, als in sie Lesefrüchte aus Literaturen zahlreicher Länder, europäischer wie fernöstlicher, eingeflossen sind. Derartige Elemente werden ebenso wie Slogans, wie Gewohnheiten der Umgangssprache assoziativ erinnert. Sie werden zu einem merkwürdigen und großartigen lyrischen Kompositum gefügt, das mehr ist als Mixtur, als Mosaik, vielmehr eine neuartige Bilderschrift abgibt, zu der die Erfahrungen mit dem eigenen Zeitalter wie mit vergangenen Zeiten geläutert wurden. Die zehn im Pisaner Verbrechercamp verfaßten Gesänge (voran gingen 73 verwandte Cantos) haben kein eigentliches Thema. Dennoch bieten sie eine Fülle stofflicher Einblicke. Es sind die geräumigen Gedichte eines Mannes, „für den die Sonne unterging“, Gespräche mit den Schatten Toter, Zwiesprachen mit fernen Freunden, Erinnerungen an eigenes Leben, das hinter ihm liegt. Namen tauchen auf, Zeitgenossen: die avantgardistischen Freunde Cummings, Williams, aber auch Cocteau, Yeats, Joyce (den Pound einst entdeckte), Eliot. Städte ziehen vorüber, Länder, Spanien, Paris und London. Das alles niedergeschrieben von einem, über den die „Einsamkeit des Todes“ gekommen war, eine Einsamkeit, deren Dunkel sich bis zur Stunde nicht für den Dichter gelichtet hat. Die „Pisaner Gesänge“ sind unter anderem ein Teppich der Sprachen. Ein vielfältiges Vokabular fügt sich dem assoziativen Genie eines Lyrikers, dessen Emotion die Fähigkeit besitzt, Gegensätzlichstes in einer Zeile zu vereinen. Wenn je der Poet Zeitgenosse vieler Zeiten war: auf die Dichtung Ezra Pounds trifft die oft gebrauchte Wendung zu, eine Dichtung, die unübersehbar viele „Wohnungen“ hat, in denen sie sich mit der gleichen Sicherheit bewegt.

Pounds Stil ist ein Stil bedeutungsschwerer Andeutungen. Es wird in jedem der Cantos im gleichen Augenblick analysiert und amalgamiert. Kein Wunder, daß es ununterbrochen zu den überraschendsten, neuen Verbindungen kommt, zu Bildern, die im sensationellsten Sinne „Abkürzungen“, Inbilder und Abbilder sind. Wirtschaftsgeschichtliches, Soziologisches trifft so auf chinesische Weisheit, Yeats auf Lao-Tse, ein Rowdyton auf erlesenste ästhetische „Muster“. Es bedurfte einer fast unheimlich anmutenden Kraft, um diesen Reichtum nicht in Partikelchen zerfallen zu lassen, ihn im Gegenteil zusammenzuhalten mit unsichtbaren Klammern einer Vorstellungsgewalt, die in dieser Beharrlichkeit und Größe unter den heute lebenden Lyrikern nicht wieder sichtbar geworden ist. „Die Musen sind Töchter der Erinnerung“, heißt es im 74. Gesang. Die „Pisan Cantos“ sind die souverän gezeigten Spiele dieser Musen. Musaget ist der Dichter selber, der es, nach eigenen Worten, vermag, „zu lesen aus der Luft lebendige Überlieferung“. Die Dichtungen, die dabei entstanden, sind die Wort und Laut gewordenen Siege der Phantasie des Intellekts über die Niederlagen geschundener Körperlichkeit, deren Ezra Pound in einer Welt alles über einen Kamm scherender Kollektivvorstellungen ausgeliefert war und noch ist. Die autorisierte Übersetzerin Eva Hesse stand vor schier unlösbaren Aufgaben. Sie bewältigte sie auf eine bewunderungswürdige Art. Karl Krolow