Frage: Sie sind also nicht der Überzeugung, daß die Lohnbewegungen an die Erhöhung der Produktivität gebunden werden sollen?

Antwort: Als die Entwicklung der Reallöhne von der Währungsreform bis zur Mitte des Jahres 1955 zum Teil nicht unwesentlich hinter der Produktivitätsentwicklung zurückblieb, hat niemand in Deutschland verlangt, sie müsse der Produktivitätsentwicklung angepaßt werden. In jener Zeit lag darin ein Opfer der Arbeitnehmer, das dazu beigetragen hat, den schnellen Wiederaufbau der stark zerstörten Wirtschaft über Eigenfinanzierung zu ermöglichen. Im vergangenen Jahr wurde ein Teil dieses Rückstandes wieder aufgeholt. Insgesamt hat sich in der Zeit von 1948 bis 1956 die Lohnentwicklung im Rahmen der Produktivitätsentwicklung gehalten.

Aber ich möchte darauf zurückkommen, daß die Sozialdemokratie mit vielen sozial denkenden Menschen außerhalb ihrer Reihen der Auffassung ist, daß das Volkseinkommen ungerecht verteilt wird. Nun kann natürlich niemals mehr Einkommen verteilt werden, als erwirtschaftet wird; und das Durchschnittseinkommen aller Einkommensbezieher kann – wenn man einmal von der Möglichkeit zeitlicher Verschiebungen absieht – im allgemeinen nicht stärker steigen als die Produktivität.

Aber wenn eine gerechtere Einkommensverteilung erfolgen soll, dann kann nicht nur, sondern dann muß das Einkommen der bisher Benachteiligten mehr, und entsprechend natürlich das Einkommen der bisher ungerecht Bevorzugten weniger steigen als die Produktivität. Eine solche Verschiebung in der Verteilung des Volkseinkommens ist bereits in vergangenen Jahr in gewissem Umfange erfolgt. Im Interesse der Schaffung einer gesunden Sozialordnung kann sie nur begrüßt werden. Es ist sogar die Aufgabe des Staates, diese Entwicklung mit politischen Maßnahmen, unter anderem mit Mitteln der Steuerpolitik, zu stützen.

Frage: Mit der Nennung des Staates zeigen Sie den dritten Teilhaber am Sozialprodukt auf. Wollen Sie die Verteilung des Sozialproduktes den Auseinandersetzungen der Tarifpartner, den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen überlassen, oder wollen Sie staatlicherseits eingreifen?

Antwort: Es gehört zum Wesen einer freien, demokratischen Staats- und Lebensordnung, daß es möglichst viele autonome, d. h. von staatlichen Eingriffen freie Räume menschlicher Betätigung gibt. So besitzen die Gemeinden und Gemeindeverbände Autonomie auf weiten Gebieten der öffentlichen Aufgaben. Die Währungspolitik liegt in erster Linie in der Hand der „autonomen“: Notenbank. Die Unternehmerwirtschaft ist ebenfalls weitgehend autonom, d. h. sie unterliegt in Fragen der Produktion, der Investition und überwiegend auch der Preisbildung keinen staatlichen Eingriffen. Und schließlich sind auch die Tarifpartner in der Gestaltung der Lohn- und Preisbedingungen autonom. Da wir staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben auf das unbedingt Notwendige beschränken möchten, bejahen wir auch die Autonomie der Tarifpartner und wünschen keine staatlichen Eingriffe in die Tarifkämpfe. Bis heute haben sich im übrigen die Tarifauseinandersetzungen in Deutschland – und zwar einschließlich des Streiks in Schleswig-Holstein! – in einem Rahmen gehalten, der keinerlei Gefährdung für Staat und Wirtschaft mit sich brachte. Auf dem Gebiete der Lohn- und Preisbedingungen soll sich der Staat nach unserer Auffassung auf die ihm zur Verfügung stehenden finanz- und wirtschaftspolitischen Mittel beschränken, durch die er indirekt die Einkommensverteilung beeinflussen kann. Dazu gehört auch eine Preispolitik, die zur Steigerung des Verbrauchereinkommens führt.

Frage: Denken Sie dabei an einen Preisstopp? Antwort: Ich möchte hierzu ohne alle Umschweife feststellen: der Preisstopp gehört nicht zum Wirtschaftsprogramm der Sozialdemokratie. Auch eine allgemeine staatliche Preisfestsetzung lehnen wir ab. Das ist nicht nur eine persönliche Meinung, das ist Parteimeinung. Einmal wünschen wir als Anhänger einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung, daß sich Wettbewerb und Preisbildung jedenfalls dort frei entfalten sollen, wo sie ihre volkswirtschaftliche Funktion erfüllen. Zum anderen wissen wir, daß staatlich festgesetzte Preise sehr schnell durch Schwarzpreise umgangen werden, wenn Warenmangel herrscht; das gilt insbesondere für Deutschland, dessen Staatsbürger auf diesem Gebiet während zweier Perioden staatlicher Preisfestsetzung reichlich Erfahrungen gesammelt haben.