Zweimal in der Woche um sieben Uhr früh und jeden Sonntag um elf Uhr können aufmerksame Spaziergänger am Ufer der Hamburger Außenalster von dem Bootssteg des „Der Hamburger und Germania Ruderclub“ einen Vierer oder auch einen Achter ablegen sehen, dessen Crew aus recht gesetzten, aber wohltrainierten Herren besteht, die sicherlich alle längst die „Fünfzig“ überschritten haben. Ja, einige können schon mit dem Psalmisten singen „Unser Leben währet siebenzig Jahr...“, und der Älteste von ihnen wird sogar in wenigen Tagen sagen dürfen „... und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre ...“ Der Senior dieser gewiß ungewöhnlichen Ruderermannschaft ist Dr. Oskar Ruperti, der am 16. April 1877 in Hamburg zur Welt kam.

Achtzig Jahre alt zu werden, ist gewiß kein besonderes persönliches Verdienst, sondern eine Gnade des Himmels, aber es ist ein Anlaß, des Jubilars zu gedenken, der nicht nur (neben Carl Diem) der einzig noch Überlebende aus der Garde der großartigen deutschen Sportführer von einst ist, sondern auch das beste Beispiel dafür, daß man sich auch als Wettkämpfer erfolgreich betätigen kann, ohne das rechte Maß zu verlieren. Vor allem ist Ruperti auch heute noch ein nie ermüdender Mentor und Mahner, der klarer als die meisten anderen die Gefahren erkannt hat, die dem Sport dadurch drohen, daß er im reinen Professionalismus versinkt.

Ein guter Spcr*-smann muß vielseitig sein. Ruperti turnte, focht, segelte, ritt (als Dragoner-Rittmeister machte er den ersten Weltkrieg mit), spielte Tennis. Seine große Liebe aber war das Rudern. Als Vierzehnjähriger trat er in den „Der Hamburger Ruder-Club“ ein, zusammen mit achtzehn etwa gleichalterigen Kameraden. Dieser Club (1836 gegründet) ist der älteste Sportclub auf den europäischen Kontinent, wenn man die alten Schützengilden, Turnvereine und die Königlich schwedische Segelgesellschaft außer acht läßt, die auf der Hochsee nur rein zum gesellschaftlichen Vergnügen segelte. In Hamburg genoß Ruperti eine so ausgezeichnete ruderische Ausbildung, daß er in Jahre 1896 in den Jungmann-Achter des Christ-College von Cambridge aufgenommen worden war und mit ihm bei fünf Rennen gegen die besten damaligen britischen Achter fünfmal siegen konnte. Nach seiner Rükkehr errang er auch in Deutschland auf den Regattabahnen manch schönen Sieg. Das ist insofern bemerkenswert, als Ruperti, wie er meint, keineswegs ein von Natur aus besonders veranlagter Sportsmann war, im Gegenteil. Auch daran knüpft er eine wichtige Erkenntnis, die er gern den Jungen von heute vermitteln möchte. Ein guter und besonders auch erfolgreicher Sportmann zu werden, ist weniger eine Sache der Veranlagung, als vielmehr der Begeisterung. Allein auf den Willen zum Durchhalten kommt es an. Wer ein guter Sportsmann werden will, wird es auch. Er hat’s uns bewiesen.

So erfolgreich er als aktiver Sportmann ist, so ausgezeichnet war er als Sportführer. In den Jabren, da er Erster Vorsitzender des Deutschen Ruderverbandes war, (1920 bis 1926) wurde Rudern, ein Volkssport. Die Segler hatten ihn schon 1909 in ihren Vorstand gewählt. 1926 nahm das Internationale Olympische Comité ihn in seine Reihen auf. Hier erlebten wir wiederum etwas Erstaunliches: Vier Jahre später schied Ruperti freiwillig (ein höchst seltener Fall!) aus diesem Gremium wieder aus, um einem jüngeren Manne, dem Ritter von Halt, Platz zu machen. Dabei war er unter den recht betagten Herren des IOC noch einer der Jüngsten. Übrigens sind die Mitglieder des IOC keine Delegierten der Länder, sondern werden als Persönlichkeiten ausgewählt, zum Beitritt aufgefordert und gehören diesem Kreise in der Regel lebenslänglich an, keine Macht der Welt kann sie bei ehrenhaftem Lebenswandel je wieder hinaussetzen. Ruperti aber meinte, daß ein steter Wechsel unter den für den Sport verantwortlichen Männern nur von Nutzen sein könne. Fünf bis sechs Jahre hält er für eine genügende Zeit der Amtsführung; alsdann solle immer ein neuer Mann mit der Verantwortung betraut werden. Nur einmal hat er eine Ausnahme von dieser seiner Regel gemacht: In seiner Essener Zeit, als er der Vorsitzende von ETUF war, jenem noch von Alfred Krupp gegründeten ersten deutschen Firmensportverein (vielleicht sogar dem ältesten der Welt), der vor allem in Hockey, Tennis und Rudern hervortrat und einer der saubersten und besten deutschen Amateur-Sportklubs ist.

Walther Kleffel