Der 7. April ist das Datum des „Weltgesundheitstages“, den die Organisationen der UNO eingerichtet haben und der in Deutschland am 10. April begangen wird. Das Thema aller Veranstaltungen heißt diesmal: Gesundheit und Ernährung. In Deutschland wird der „Weltgesundheitstag“ offenbar ein Tag der Kritik sein. „Was uns in der Bundesrepublik auf Grund des Föderalismus fehlt“, so betonte einmal Prof. Dr. Klose (Kiel), der Vorsitzende des Vereins „Deutsche Zentrale für Volksgesundheitspflege“, „ist eine große, einheitliche Konzeption. Wie unsinnig ist es, wenn jetzt bei der neuen Verordnung über die ausnahmsweise Zulassung von Fremdstoffen in Lebensmitteln zur Konservierung oder Schonung die ,Exekutive’, also die Aufstellung der Listen dessen, was jeweils zugelassen werden soll, in die Hände der Länder gelegt wird!“ So weit Professor Klose, der ehemals Leiter der Abteilung IV (Gesundheitswesen) des Bundesinnenministeriums war und heute Präsident des Bundesgesundheitsrates ist.’In folgenden Beitrag greift Prof. Dr. Walter Schnell (Marburg), der Geschäftsführende Vorsitzende der „Deutschen Zentrale für Volksgesundheitsdienst“ das gleiche Thema auf, wenn er die Errichtung eines Gesundheitsministeriums fordert. Diese Forderung ist freilich nicht neu, und es ist vielerlei dagegen einzuwenden. Die Verworrenheit in gesundheitspolitischen Fragen, insbesondere auf dem Gebiet der Nahrungsmittelkontrolle, legt jedoch eine Diskussion nahe.

Es war in Deutschland, wo die frühen Wuneln des öffentlichen Gesundheitsdienstes entstanden. Und vielerlei Gründe boten die Anregung: Die moderne Hygiene wurde zum Fundament für wesentliche praktische Aufgaben der inneren Verwaltung; die sozialen Aufgaben des Arbeitsschutzes und der öffentlichen Versicherung schufen im eigenen Bereich neue Gesundheitsprobleme, die im Lösung drängten; wiederum andere Gesundheitsaspekte brachte die Entwicklung des Ernährungswesens, der Rechtspflege und der Erziehung. Alles dies ist selbstverständlich. Denn jedes menschliche Handeln und Geschehen ist begründet in Lebenskraft, Lebensfreude und Arbeitsvermögen der menschlichen Persönlichkeit. Gesundheit ist daher überall Grundlage – weit mehr, als dies der Allgemeinheit bewußt ist.

Das vorhandene Gute pflegt den Nachteil zu haben, konservativ dem Fortschritt zum noch Besseren im Wege zu stehen. So haben es außerdeutsche Staaten in ihrer Gesundheitsorganisation, da sie historisch weniger „belastet“ sind, viel leichter als wir im Bemühen, moderne Erkenntnisse über die in der Einheit der menschlichen Person begründete notwendige Einheit auch in der Behandlung aller Fragen des öffentlichen Gesundheitswesens zu verwirklichen. Bundesdeutschland dagegen versäumte zunächst die Möglichkeiten, die ihm der politische Neuaufbau bot, indem es in alten Trennungen der Zuständigkeit festhielt. So entstand die Gefahr, daß die Fragen der menschlichen Gesundheit unter recht einseitigen Aspekten gesehen werden, je nachdem, wie die betreffende Verwaltungsstelle ihre Aufgabe betrachtet. Oft gerät die prinzipiell gesundheitspolitische Zielsetzung in die Hinterhand gegenüber sozialen oder wirtschaftlichen Wertungen. Daher der Ruf nach einem „Gesundheitsministerium“!

Es geht darum, daß eine einheitliche Konzeption für alle öffentlichen Gesundheitsaufgaben gefunden wird, die vom Wesen der menschlichen Persönlichkeit ausgeht und die das Einzelne und Besondere am rechten Platze einordnet. Dieser Ruf nach einem Gesundheitsministerium ist die logische Konsequenz der Arbeit der „Deutschen Zentrale für Volksgesundheitspflege“, die in ihrer freien Arbeit den geistigen Boden für das öffentliche Gesundheitsgewissen festigen will. Dieses Gewissen wird dann fordern, daß im politischen Handeln jene staatlichen Formen entstehen, die solcher verantwortlichen Einsicht entsprechen.

Kein Realpolitiker wird dabei der Meinung sein, daß der Minister dieses Gebiets nun unbedingt ein Arzt sein müsse. Wer nur ein ärztliches Staatssekretariat fordert, bemüht sich lediglich um den der Bedeutung seiner Aufgabe entsprechenden äußeren Rang des leitenden Fachmannes, Das eigentliche Problem einheitlicher Gesamtkonzeption des Gesundheitswesens wird dadurch jedoch überhaupt nicht angesprochen.

öffentliche Behandlung von Gesundheitsfragen ist im übrigen keineswegs ein Ding an sich. Gesetz und Verwaltungsinstanzen sind Ausdruck für alle tatsächliche Gesundheitsarbeit, die in ihrem sach verständigen Teil von der Gesamtheit der Ärzte getragen wird. Der Scheingegensatz zwischen frei praktizierender und beamteter Ärzteschaft muß sich hierbei zu wohlabgestimmter wechselseitige Ergänzung entfalten. Nichts ist irrtümlicher, als die Besorgnis einzelner praktischer Ärzte, eine Stärkung des Gesundheitsgedankens in der öffentlichen Verwaltung könnte ein Übergewicht des beamteten Arzttums über ihre eigenen berechtigten! Interessen fördern. Wo die Gesundheitspolitik in ihrer wahrhaft humanitären Ganzheit sachlich gesehen wird, gewinnt jeder denjenigen Platz und Einfluß, der seiner Aufgabe und Leistung zukommt, Vergessen wir auch nicht: Gesundheitspolitik bezieht sich auf das Schicksal aller! In einem demokratischen Staat kann daher nur die legitime Repräsentation dieser Gesamtheit – aus dieser selbst heraus – gesundheitspolitisch lenken. Dies aber bedeutet den Weg über das beschließende Parlament zum verwaltenden Gesundheitsministerium

Vielfach hat man in der Forderung der Deutschen Zentrale für Volksgesundheitspflege übersehen, daß sie Gesundheitsministerien auch für die Länder fordert. Ob der einzelne Fachmann die engen Grenzen der Bundeszuständigkeit im Gesundheitswesen gegenüber der vorwiegend föderalistischen Regelung für völlig befriedigend hält, bleibt außerhalb realer Problematik. Aber es besteht kein Zweifel, daß die erforderliche Gesamtkoordination, wie sie sich gerade dieser Tage wieder beim Problem der Schutzimpfung gegen Kinderlähmung als so unentbehrlich erwies, weit reibungsloser zwischen Gesundheitsministerien mit vollen Zuständigkeiten innerhalb des eigenen Hoheitsgebiets erreichbar ist, als in dem gegenwärtigen Zustand eines unübersichtlichen Kompetenzdickichts.