Casanova hat mit den vielen Büchern, die bisher über ihn geschrieben wurden, schon ein erstaunlich langes Leben geführt; und als er in späteren Jahren herzoglich böhmischer Bibliothekar geworden war, zeichnete er aus seinem Leben und seiner Zeit auf, an was er sich erinnern wollte. So erschien er vor kurzem aufs neue in dem Buch

Siegfried Sommer: „Meine 99 Bräute – Die Aufzeichnungen eines Vorstadtkavaliers.“ Desch-Verlag, München. 380 S., 11,80 DM.

Es blieb nicht aus, daß die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sich mit einem Antrag – und zwar des rheinland-pfälzischen Sozialministeriums – auf Verbot beschäftigen mußte; sie hat ihn abgelehnt, da der Charakter „der psychologischen und soziologischen Studie“ gewahrt sei.

„Ich bin der Niki Montag“, beginnt das Vorstadtkind, das sich mit 15 Jahren plötzlich ein junger Mann geworden fühlt, seine Geschichte. Folgen ein paar Spähtruppunternehmen ins neue Terrain, und für Niki, Anstreichergehilfe und Dekorationsmaler ohne Passion, gibt es, als er mit genau 18 gerade den Führerschein Klasse III gemacht hat, nirgends ein Halten mehr. Er verläßt sein Zuhause, in dem ihm alles zu durchdringend nach Margarine riecht, verzichtet auch auf seine Mama, die ihm zuviel ermüdende goldene Lebensweisheiten im Munde führt und beginnt ein paar muntere Liebeslehr- und Streunerjahre. Er meidet gern die Arbeit, soweit es geht, und verschont fünf Jahre lang nichts Weibliches von einiger Appetitlichkeit; zwei Damen höherer Stände eingerechnet. Nach jedem Erlebnis steckt er seinem Sparschwein einen Pfennig in den Hauch, und das mittellose Vorstadtkind lebt so sorglos lüstern in den Tag hinein, daß es ihm einmal drei Pfennig schuldig bleiben muß.

Seitenweise ist das ganz witzig unterhaltend, was bei dem abgegriffenen Sujet für den Autor spricht. Aber er kommt ohne Anleihen nicht aus. Schon bei Casanova gibt es Blitzabenteuer, spielen Treppenhäuser eine Rolle, und manche Muster stammen natürlich aus dem Decamerone und anderen bewährten Liebesbüchern. Kalauer und ein paar Witze der Saison wären entbehrlich und auch die ausgiebige Nacherzählung der „Maison Tellier“. Ein rechter Ärger ist das Ende, das der Autor seinem halbstarken Sexualprotz bereitet. In Nikis Kopf macht es zu Zeiten seiner reifen Leistungen nur so „wumm“, und Bereit-sein-ist-alles ist seine Devise. Da plötzlich wiecherts hoch vom Turm, und den Reigen von 99 Ritas und Linas, die alle auf ihn flogen und die, je mehr sich ihre Zahl komplettiert, einsichtigerweise um so kurserischer behandelt werden, beschließt im Heranschweben Irmelin. Ihr Name ist eine Garantie, und natürlich war dieser Kuß denn auch „so rein und warm und unendlich ehrlich und gut“. Dem Autor wurde vielleicht, je länger er an der Beichte seines Helden schrieb, nur zu deutlich, daß es für Don Juan in der Tat nur eine Alternative gibt: ein Ende mit Flammen oder die Kamelhaarhausschuhe. Gleichviel – der Leser nimmt es dem Niki der munteren Kaschemmen und neunundneunzig Liegewiesen einfach „nicht ab“, daß er plötzlich ein Opfer pantheistischen Weltgefühls wird. „Und das Schweigen des Brunnens wuchs in die Dunkelheit hinein“ – das ist nicht Ironie. Auch der entscheidende Pfennig, mit dem Irmelin opferbereit aus eigener Tasche die kupfernen Ersparnisse zur vollen Mark aufrundet, macht das nicht wieder wett.

Casanova dankt man seine Memoiren nicht wegen der Handgreiflichkeiten, die er berichtet; im Bild von Welt und Zeit liegt ihre Rechtfertigung. Niki Montag aber lebt wie ein Laubfrosch im Einmachglas, und nur ein paar Details deuten an, in welchen Jahren etwa er seine Erfahrungen sammelt: ein Stoffmecki auf einer Bettcouch, ein Heft „Readers Digest“. Aber keine Besatzung, keine Trümmer, keine Schieber, keine Heimkehrer. Nichts von dem, was eine Comédie Humaine randvoll füllen würde. Statt ihrer feiert das Lebensgefühl, das Milieu jener Elends- und Notverordnungsjahre um 1930 Urständ. So projiziert er in die Vor-Stadtjugend der letzten Nachkriegsjahre die Mentalität der Vorhitlerzeit und kennt sich in den Schichten, die in den Jahren des Wirtschaftswunders die Margarine essen, nicht mehr recht aus. Er reitet das Proletarierbewußtsein zu Tode.

So unwirklich wie die Atmosphäre, in denen der Niki Montag seine erotischen Stenzenjahre abdient, sind auch Milieu und Sprache. Diese Flucht vor dem Realismus des Hintergrunds in überlokale Bedeutung wird am stärksten in den sprachlichen Mitteln des Erzählers sichtbar. Seine Ganoven geben sich jede Mühe mit „dufte“, „so ’ne Wolke“ und ähnlichen Silben vom Wedding, und mit Mannometer-Paul und Stempel-Teddy will der Autor seine Leser anscheinend auf den Broadway versetzen.

Sommer ist ein gewandter, beliebter Journalist im Abendblattjargon, den in seinen Glossen auch plötzlich das Sentimentale überkommen kann. Mit seinem ersten Roman „Und keiner weint mir nach“ erwies er sich als ein Erzählertalent von Kraft, Eigenart und Sentiment. Diesmal hat. er die Prosa mit dem Feuilleton verwechselt. Sie haben nichts miteinander zu tun. Wer Prosa mit falschen Brillanten garnieren will, um sie apart zu machen, indem er seinen Stil durch eine hemmungslose Fülle kesser Umschreibungen aufschwemmt, wird erfahren, daß sie das nicht verträgt. Diese „Aufzeichnungen“ sind nur der Vorwand eines Romans. Wären Nikis Bekenntnisse eine echte Ich-Erzählung, so hätte er sie wie weiland Casanova wahrscheinlich nicht früher als mit Mitte sechzig begonnen. Nikis Beichte seiner „Kaperfahrt durch Damenwäsche“, vor dem Versprechen fürs Leben dem Seelchen Irmelin abgelegt, ist psychologisch absurd und so wenig wie das Happy-End ein Schlußpunkt für „Aufzeichnungen“.