Macht und Plage der Verbände

Von Josef Müller-Marein

Gelobt seien die Verbände, sie müssen sein! Sie geben den Schwachen, sofern sie nur ein Plätzchen auf den Mitgliederlisten haben, die Chance oder wenigstens die Hoffnung, höhere Löhne oder bessere Gewinne zu erzielen. Und nicht nur der Schwache – auch der Starke ist heutzutage am mächtigsten im Verband. Gelobt aber seien auch die Einzelgänger, sie müssen sein! Sie haben einen Horror vor Beitragszahlungen, vor Mitgliedskarten und Redensarten wie: Rein menschlich verstehe ich es, wenn mein Hund dem Kaninchen des Nachbarn an die Löffel will, aber als Mitglied des „Verbandes deutscher Kleintierzüchter ...“ Ihnen genügt es, Staatsbürger zu sein. Wenn sie zur Kirche gehen, so geschieht es nicht, weil sie Mitglied einer Konfession, sondern weil sie fromm sind. Wenn sie zur Wahl gehen, so denken sie vielleicht an den Artikel 38 des Grundgesetzes, in dem es heißt, daß die Abgeordneten, die es zu wählen gilt, Vertreter des ganzen Volkes seien, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und einzig ihrem Gewissen unterworfen. Der Einzelgänger, der so grundgesetzgläubig zur Wahl geschritten, erkennt vielleicht schon wenige Tage danach, daß der Bundestag gespickt ist mit Abgeordneten, die nicht nur – „rein menschlich“ – ihr eigenes, sondern obendrein – „rein politisch“ – ein Fraktionsgewissen haben, zu denen als drittes Gewissen – „rein organisatorisch“ – noch die Funktionärstreue zu einem Verband hinzutritt, zu eben jener Organisation, die ihm das Mandat und die Diäten verschafft hat.

Noch einmal: Verbände müssen sein. Denn ohne sie wäre manche gerechte Forderung nicht Wirklichkeit geworden. Und wiederum: Einzelgänger müssen sein – sowohl als Wähler wie als Wählbare und Gewählte. Sie müssen sein, weil sie es leichter haben, Demokraten zu sein und zu bleiben. Dafür haben sie es schwer, den Kopf hoch zu halten, wenn sie von Verbänden umworben oder gar – angegriffen werden.-Zivilcourage aber gehört nun einmal zum Demokraten, zumal, wenn er ein Einzelgänger ist. Und oft genug, in schwachen Stunden, mag ihn die Versuchung überkommen, den starken Männern eines Verbandes an die Brust zu sinken. Und dann auf zum Kampf gegen den gegnerischen Verband oder auf zum Druck auf die Regierung! Ja, sind wir denn eine Verbandsdemokratie? Wir sind auf dem besten Wege, eine zu werden.

Am Telephon: Die Gewerkschaft

In der Rolle des Einzelgängers war vor wenigen Monaten ein Mann des Norddeutschen Rundfunks, der jene für die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften nicht eben freundliche Rede des Ministers Erhard über den Äther verbreitet hatte, jene Ansprache, die der streitbare Professor dann im nachhinein noch einmal als Zeitungsinserat veröffentlichte, damit jedermann – „wer hat noch nicht, wer will noch mal?“ – seine Freude oder sein Ärgernis habe. Kaum war diese Rede über den Funk „gelaufen“, erreichte den dortigen „Ressortchef“ ein telephonischer Anruf: Wie er denn dazu gekommen sei, eine solche Erhard-Rede zu verbreiten? Und damit er es für künftige Fälle wisse: es sei ihm, dem Anrufer, ein leichtes, eine Demonstration vor dem Funkhaus in der Rothenbaumchaussee zu veranstalten ... Am Apparat war ein Sprecher der Gewerkschaft.

Neueres meldet die „Frankfurter Allgemeine“ aus Bonn: Hat doch der CDU-Abgeordnete Lulay mit seinen Kollegen im Ausschuß dafür gestimmt, daß die Arbeitszeit im öffentlichen Dienst nicht auf 45 Stunden wöchentlich verkürzt werden solle. Prompt erhielt er von der „Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr“ ein Fernschreiben, er habe sich gefälligst für die 45-Stunden-Woche einzusetzen. Um korrekt zu sein: Vielleicht fehlte das Wörtchen „gefälligst“. Sicher aber ist, daß Lulay, der laut Grundgesetz an Aufträge und Weisungen nicht gebunden ist, kein Einzelgänger ist, sondern – Gewerkschaftssekretär.