Von Walter Abendroth

Seit das Inferno des Bombensturmes in fast allen deutschen Landstrichen Kirchen und Dome in den Schutt sinken ließ, hat sich überall dort, wo man die Mauerkelle wieder in die Hand nahm, sogleich auch die schwere Frage gestellt: Restauration oder Neubau? Ganz verschieden sahen die Antworten aus. So hat Münster seinen Dom in alter Form wiedererstehen lassen, und so wuchs in Köln auf dem Fundament einer mittelalterlichen Pfarrkirche die moderne Architektur der Kapelle zur „Madonna in den Trümmern“. Patentlösungen kann es hin nicht geben, und es erscheint mißlich, aus einer Frage, die von Fall zu Fall sachlich und mit ernsten Sinn entschieden werden sollte, einen reinen Prinzipienstreit zu machen. Denn: „Ist erst einmal ‚Prestige‘ investiert, dann pflegt er mit der Sachlichkeit endgültig aus zu sein“, sagt Walter Abendroth, der in folgendem versucht, das Meinungsgestrüpp um den Aufbau des Würzburger Domes zu entwirren und die beiden Fronten deutlich sichtbar zu machen.

Hoch branden die Wogen des Kampfes um den Stuck im Würzburger Dom! Die Siedehitze, zu der dieser Kampf jetzt gediehen ist, läßt sich nur verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Rolle die Stilwunder des Barock im bayerisch-fränkischen Kulturraum spielen: sie werden immer noch als klassischer Ausdruck der heimischen Geisteslandschaft empfunden, ihrem Gepräge so angemessen, daß nichts Vorheriges daran heranreichte und nichts Späteres darüber hinauslangte. Wie wenig hier „Barock“ als etwas Vergangenes gilt, kann man überall sehen, wo neu gebaut wird. Soweit sich nicht moderne Architektur durchzusetzen versucht, treten immer wieder barocke Bauelemente hervor, sei es auch nur im Schwung eines Gesimses oder in der Haube eines Ecktürmchens. Also: Barock ist hier ein Stick Nationalbewußtsein, ja, mehr: ein Grundton des angestammten und überlieferten Lebensgefühls.

Nun, und der alte Würzburger Dom war eines der großartigsten Zeugnisse dieser elementaren Selbstdarstellung; berühmt durch seine üppige Pracht sogar inmitten der überreichen süddeutschen Barockwelt. Aber der alte Dom ist hin; sein Prunk sank in die Asche, von seinem Schmuck verblieben nur Reste. Eine der stehengebliebenen Mauern mußte obendrein noch nachträglich wegen Einsturzgefahr niedergelegt werden. Und jetzt, wo es an den Wiederaufbau geht, droht sich der Streit um die Frage Restauration oder Neuschöpfung in eine wahre babylonische Sprachverwirrung zu verlieren. Dieser Streit wird von beiden Seiten mit nahezu gleichen Argumenten geführt, nur daß offenbar jeder unter den gleichen Begriffen etwas anderes versteht. Die Streitfrage selbst – Wiederherstellung oder Neugestaltung – wird ja überall aktuell, wo praktische und ästhetische Erwägungen zusammentreffen mit dem Gebot der Berücksichtigung historischer, zumal kulturgeschichtlicher Gesichtspunkte, stilistischer Gegebenheiten und berechtigter Wünsche nach Bewahrung oder Wiederherstellung schlechthin unersetzbarer, unaustauschbarer baukünstlerischer Werte. Gerade diese letzten aber können umstritten sein, weniger in ihrer Unantastbarkeit an sich, als in ihrem Anspruch auf Endgültigkeit.

Der Ruhm des alten Dom-Interieurs in Würzburg, auf den sich heute die eine der streitenden Parteien beruft, beruhte auf der radikalen Umgestaltung, die das Bauwerk am Anfang des 18. Jahrhunderts erfuhr, während die gesamte Konzeption des Domes dem 11. Jahrhundert angehört. Die Idee und der Grundriß repräsentieren reinste Romanik, und zwar in ungewöhnlich großartiger Form, wie schon allein die Maße bezeugen (das Langschiff mißt 130 Meter).

Da die Domkirchenstiftung als Eigentümerin außerstande ist, den Wiederaufbau zu finanzieren, ist nach dem Konkordat von 1924 das Land Bayern dazu verpflichtet. Das hat zur Folge, daß die auf Veranlassung des bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus auf Vorschlag des Landesbaukunstausschusses beauftragten Architekten Professor Hans Doellgast (München) und Dombaumeister Hans Schädel (Würzburg) sich andererseits auch mit dem Landesamt für Denkmalpflege auseinanderzusetzen haben. Das aber hat bisher die Ansicht vertreten, die von dem mailändischen Meister Pietro Magno stammende Barockgestaltung habe „überhaupt erst den grandios-feierlichen Raumeindruck gewährleistet“. Von dieser amtlichen Seite wird also nachdrücklich für Restauration plädiert, obwohl das Domkapitel sich im Einvernehmen mit dem Diözesanbischof Dr. Döpfner nach anfänglichen Bedenken bereits zu den Plänen der beiden Architekten bekannt hat.

Der „Kampf um den Stuck“ ist aber durch diesen Stellungswechsel des Domkapitels – zu dem besonders seine jüngeren Mitglieder den Anstoß gegeben haben sollen – keineswegs verstummt, vielmehr erst richtig auf Touren gekommen. Dabei kann niemand behaupten, die Architekten hätten sich leichtfertig gegen die Wiederherstellung des barocken Innenraums entschieden. Sie haben sie durchaus auch ernsthaft erwogen, sind aber aus gewichtigen Gründen davon abgekommen (übrigens auch aus pekuniären: die erneuerte Stuckierung würde nach der Meinung des Umbaumeisters Schädel etwa eine Million teurer kommen als die kostbarste Plattenverkleidung). Sie haben außerdem eine Kompromißlösung unter Verwendung des noch vorhandenen Stuckes, etwa 40 vom Hundert, in Betracht gezogen und sie im Interesse einer neuen stilistischen Einheit verworfen. Der endlich festgehaltene Plan erstrebt eine räumliche Neuschöpfung auf der Grundlage des vorhandenen Bestandes. Das heißt: der bestehende und wieder aufgebaute Kern der Bausubstanz, der zum größten Teil aus der romanischen Zeit stammt, soll möglichst auf die ursprüngliche Masse zurückgeführt, das Querhaus auf das frühere Niveau tiefergelegt und die Wandflächen über den Arkaden im Langhaus so hoch wie möglich gezogen werden; Mauerwerk und Decke sollen eine neue Struktur erhalten, der Chorraum neugestaltet werden für die Aufnahme des Bischofsthrons und des Chorgestühls, der Hochaltar soll in die Vierung versetzt werden, die als Mittelpunkt des Raumes ausgebildet wird; die Orgelempore wird im Westwerk untergebracht. So die hauptsächlichsten Neuerungen, von denen insbesondere die letztgenannten von entscheidender Bedeutung sind. Sie schließen die Restaurierung der Stuckarchitektur völlig aus, entsprechen hingegen nicht allein baukünstlerischen Erwägungen, sondern – was ja wohl noch wichtiger ist – liturgischen Forderungen.