Das Deutsch-Englische Gespräch in Königswinter, das alljährlich zwischen Parlamentariern, Journalisten und Leuten der Wirtschaft stattfindet, hat noch jedes Mal dazu beigetragen, Standpunkte herauszuarbeiten, die oft in dieser Deutlichkeit noch nirgendwo formuliert worden waren. Die Hauptüberraschung des vorigen Jahres war es festzustellen, wie sehr in England Regierung und Opposition hinsichtlich außenpolitischer Fragen am gleichen Strange zogen. Es war für die deutschen Sozialdemokraten verblüffend, zu erleben, wie ihre Kollegen von der Labour sie geradezu beschworen, die Opposition gegen die deutsche Wiederbewaffnung aufzugeben.

Sorgenvoll stellte Denis Healey, einer der fähigsten jungen Labour-Abgeordneten damals fest: „Die NATO ist in Gefahr zu zerfallen. Selbst auf militärischem Gebiet gibt ein Land nach dem anderen den Versuch auf, eine kollektive internationale Verteidigungsmacht herzustellen ... es hat aber keinen Zweck, sich einzureden, wir könnten erfolgreich mit den Russen verhandeln, solange sie sehen, wie wir militärisch immer schwächer und politisch immer uneiniger werden ...“

In diesem Jahr nun stellte sich in Königswinter heraus, daß es offensichtlich keine gemeinsame Außenpolitik der beiden Parteien in England mehr gibt. Der gleiche Denis Healey hat die Frage, warum Labour oder mindestens ein Teil der Labour-Abgeordneten ihre Meinung seit dem letzten Jahr geändert haben, beantwortet: Die Meinungsänderung sei – so sagte er – auf Ungarn zurückzuführen, denn Ungarn habe dreierlei gezeigt.

Erstens: Die sowjetische Kontrolle des Satellitenbereiches beruhe auf der sowjetischen Armee und nicht auf der Kommunistischen Partei.

Zweitens: Mit Beschämung habe man feststellen müssen, daß nach Jahren der Befreiungspropaganda (liberation) im entscheidenden Moment nichts getan werden konnte, weil der atomare Gleichstand jede Aktion verhindere.

Drittens: Man habe erfahren, zu welch irrationalem Heldentum Völker aus Angst oder aus anderen Gefühlen fähig seien. Daher die sorgenvolle Frage: Was werde geschehen, wenn eines Tages in Ostdeutschland ein Aufstand ausbreche? Denn niemand könne sich darauf verlassen, daß Westdeutschland dann teilnahmslos beiseite stehen werde.

Denis Healey zog daraus die Konsequenz, das Wichtigste sei, die Sowjetarmee allmählich aus Europa herauszubekommen, weil sich dann das politische System auch ohne die Voraussetzung freier Wahlen sehr rasch ändern werde. Da sich aber gezeigt habe, daß militärische Maßnahmen die Voraussetzung für eine solche Entwicklung nicht schaffen könnten, vielmehr, jedes Land schon jetzt danach trachte, seine Sicherheit in Atomwaffen zu finden und damit ein allgemeines atomares Chaos vorbereitet werde, müßten alle Anstrengungen auf das politische und diplomatische Gebiet verlegt werden.

Im Gegensatz zu diesen Darlegungen betonten die Konservativen weiterhin den Vorrang und die unbedingte Notwendigkeit der NATO als Mittel politischer Einheit und militärischer Stärke. Ob alle Mitglieder der Labour Party die von Healey vorgetragene Meinung teilen, wurde nicht ganz deutlich, schien sogar eher zweifelhaft. Dff