Zu William Gibsons Unterhaltungsroman „Wie Wasser unter der Brücke“,

Für den Tagesraum einer Schloßklinik für Nervenleiden müssen neue Vorhänge besorgt werden. Dieser harmlose Anlaß löst eine Kettenreaktion von Konflikten und Geschehnissen aus in dem Buch von:

William Gibson: „Wie Wasser unter der Brücke.“ Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg, 468 S., 16,80 DM.

Der Streit um die Vorhänge zerbricht die scheinbar ruhige und ordentliche Welt der Klinik. Der leitende Arzt fällt eine Fehlentscheidung, die ihm schließlich den Posten kostet. Sein Stellvertreter setzt seine neue Heilmethode durch und gewinnt dadurch die Zustimmung des Personals, der Patienten und des Aufsichtsrats. Dafür löst sich seine Ehe mit einer kühlen, egozentrischen und oberflächlichen Frau – die sowieso nicht zu ihm paßte –, und er findet Trost und Verständnis bei einer nicht so schönen, aber um so verläßlicheren Kunstgewerblerin. Kurz, die menschlichen und beruflichen Verhältnisse und Gewohnheiten aller werden plötzlich in Frage gestellt. Die Sache mit den Vorhängen zwingt sie alle zum radikalen Bedenken ihrer Existenz. Ärzte und Ehefrauen, Sekretärinnen und Lehrerinnen, Patienten undpfleger verfahren dabei nach der alten Forderung: „Erkenne dich selbst“ und sind auch ohne allzu große Schwierigkeit dazu imstande, sie zu erfüllen. In echt amerikanischem Nachbarschaftsgeist springen im Notfall die anderen ein und helfen beim Selbsterkennen mit musterhafter Geduld und Gerechtigkeit.

Dieses Buch ist pädagogisch wie ein Pestalozzi-Roman. Seine Personen könnten Reklamegestalten des Readers’ Digest sein: unermüdlich edel und fanatisch davon überzeugt, daß Glück und Lebenssinn in einem Diskussionsabend erarbeitet werden können. Diese Gestalten zeigen schon traditionelle Züge. Das Individuelle tritt häufig zurück: Sie sind das Wunschbild aller demokratischen Erziehung: Musterschüler voll Selbstkritik, Intelligenz, raschem Reaktionsvermögen und Sinn für Verantwortung und Gemeinschaft. Musterwesen, die mit allem fertig werden, weil sie mit sich fertig geworden sind. Mustergestalten, mit denen sich ein Roman von allein schreibt, weil man ihrem ernsthaften Kampf weder Bewunderung noch Anteilnahme versagen kann. Den Verlierern fehlte nur im rechten Augenblick die rechte Erkenntnis.

Unwahrscheinlich wird dieser sektenhaft stumpfe Moral-Optimismus jedoch in dem Moment, wo er die Heilmethode der Klinik bestimmt. Erkenntnisglück wird abgewandelt in Erkenntnisheilung. Die Tatsache, daß auf den 468 Seiten mit den Patienten nichts wirklich schiefgeht, spricht für die Phantasie des Autors.

Trotz dieser Einwände hat Wilson seinen Roman so spannend, überlegen und unsentimental geschrieben, daß man ihn unbestreitbar zu den besten auf dem großen Gebiet des Unterhaltungsromans zählen kann. sy