Paris, im April

Der deutsche Film „Die Halbstarken“ lief kürzlich in einem Kino der Champs Elysées unter dem Titel „Les Demi-Sel“, die Halb-Salzigen. Die Übersetzung ist ungenau, denn es fehlt in der französischen Umgangssprache (die doch sonst sehr reich an argot, an neuen populären Wortbildungen ist) das entsprechende Wort für den Ausdruck „Halbstarke“. Wo die Bezeichnung fehlt, dort fehlt auch offenbar das, was nach Bezeichnung ruft. Gibt es also kein „Halbstarken-Problem“ in Frankreich?

Ja und nein. Ja – in bezug auf die Jugendlichenkriminalität, die in den Jahren 1943 bis 1946 sprunghaft anstieg und seitdem wieder zurückgeht (ungefähr 15 000 Delikte kommen alljährlich vor das Jugendgericht); nein – im Sinne von Jugendgruppen als ein asoziales Element.

Das Problem der Jugendlichenkriminalität wird hier neuerdings viel diskutiert, seit kürzlich zwei Jugendliche im Alter von 19 und 20 Jahren ein Liebespaar im Park von Saint-Cloud erschossen haben, um, wie sie erklärten, „ihr Auto zu stehlen“. Diese Affäre Saint-Cloud“ deutet auf Gleichgültigkeit, auf Abstumpfung des Gefühls, und dies bestürzt mehr, als etwa ein Verbrechen aus Leidenschaft. So wird also die Frage gestellt: Sind die Gangsterfilme und die Serien der „schwarzen“ Romane und die Bildstreifen der Comics an der Verrohung der Jugend mitschuldig?

Eine Meinungserhebung des Figaro ergab, daß unzureichende Erziehung und der Mangel an jener Liebe, den nur ein harmonisches Elternhaus der Jugend geben kann, die Hauptursache der Jugendlichenkriminalität sei; 80 bis 90 v. H. der „gemeinlästigen“ Jugendlichen kämen aus zerrütteten Familienverhältnissen. In der Schlußfolgerung hieß es: „Die Autoren der ‚schwarzen Romane‘ und schwarzen Filme‘ können mit ruhigem Gewissen schlafen, denn die Tatsachen zeigen, daß sie nicht für die Jugendlichenkriminalität verantwortlich sind.“ Das beruhigte jene Intellektuellen, die bereits eine strengere Filmzensur befürchtet hatten.

Überall in der westlichen Welt diskutiert man heute über Jugendprobleme. „Wenn eine Sache an ihrem Platz ist, so spricht man nicht viel von ihr“, schrieb Henry de Montherlant zu dem Prinzip, die Jugend in den Vordergrund zu rücken, das sich heute auch in Frankreich bemerkbar macht: „In keiner der großen Epochen Europas, weder im Rom des zweiten Jahrhunderts, noch im zwölften Jahrhundert des christlichen Europas, noch im fünfzehnten Jahrhundert Italiens, noch im spanischen sechzehnten, noch im französischen siebenzehnten Jahrhundert hat man eine derartige Überschätzung der Jugend gekannt.“ Dabei hat man in Frankreich ohnehin nicht wie in Amerika oder in Deutschland die Neigung, die Jugend zu glorifizieren: denn nicht der unfertige Jugendliche ist hier das Idealbild, sondern der komme adulte, der reife Mensch. Frankreich gehört zu den Ländern der lateinischen Kulturtradition, die in ihrer Lebensweise feste Strukturen ausgebildet haben, welche die Jugend gleichsam in feste Formen hineingießt. Daher gelten haltlose Jugendliche in Frankreich stets als eine Ausnahme – auch heute noch. Zudem nimmt die Oberschule mit ihrer scharfen Reifeprüfung hier fast die ganze bürgerliche Jugend in strenge Zucht.

Der amerikanische Film „Rock‘n Roll“ fand in Paris wenig Widerhall, auch bei den Jugendlichen nicht. Niemand geriet „außer Rand und Band“. Es gab keine zerschlagenen Sessel, keine Saalschlachten, keine Ausbrüche der Tanzwut.