Zur Wiederausstellung der Werke Haizmanns und G. H. Wolffs

Zur gleichen Zeit haben sie beide gearbeitet, Richard Haizmann und Gustav Heinrick Wolff, der die auf Seite 6 abgebildete Bronzegruppe „Orpheus und Eurydike“ 1928 fertigstellte. Beide Bildhauer hatten damals den Höhepunkt eines in seltsamen Kurven und Kehren verlaufenden Weges erreicht. Haizmann wirkte in Hamburg, Wolff in Berlin. Zwei Außenseiter und Autodiktaten mit unzweifelhaft genialen Zügen. Man sprach und schrieb über sie, und sie haben noch heute in Hamburg eine kleine Gemeinde. Außerhalb Hamburgs aber sind sie fast völlig vergessen. Wolff starb 1934, Haizmann hat sich im gleichen Jahr nach Niebüll zurückgezogen. Ihre Werke wurden verfemt und aus den öffentlichen Sammlungen entfernt. Haizmanns wasserspeiendes „Fabeltier“, ein kühn abstrahiertes Bronzemonument, das jahrelang auf einem Hamburger Kinderspielplatz gestanden hat, mußte nach München auf die „Entartete Kunst“, bevor es vernichtet wurde.

Jetzt, im Frühjahr 1957, werden die beiden Bildhauer gleichzeitig und gesondert in Hamburg erneut zur Diskussion gestellt und wiederentdeckt. Der Kunstverein in Hamburg zeigt Richard Haizmann, das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe – in Zusammenarbeit mit der Galerie Rudolf Hoffmann – G. H. Wolff, und zwar von beiden Arbeiten, die vor der Vernichtung bewahrt wurden. Bei ihrem Versuch, dem Schaffen Haizmanns zu der ihm gebührenden Anerkennung zu verhelfen, sind seine Freunde auf überraschende Schwierigkeiten gestoßen, von einer Seite, von der man sie am wenigsten erwarten sollte, nämlich dem Künstler selber. Zu Haizmanns 60. Geburtstag veranstaltete das Städtische Kunsthaus Bielefeld im Herbst 1955 die erste umfassende Aufstellung seines Lebenswerkes. Der Hauptakzent lag auf dem Jahrzehnt von 1924 bis 1934, und ohne Frage sind diese Hamburger Jahre die stärkste und einzig relevante Phase seines Schaffens. Aber eben von diesem Frühwerk hat sich der Künstler nachdrücklich distanziert, aus weltanschaulichen Gründen. Seitdem er in Niebüll lebt, ist er in einen sektiererhaften Kreis geraten, wo man okkulten und mystischen Ideen huldigt, und diese außerkünstlerischen Tendenzen dominieren in seinem mit äußeren Symbolen überladenen Spätwerk und trüben ihm den Blick für die eigene künstlerische Größe. Tragische Lage eines fremden Einflüssen hörigen Künstlers.

Die Ausstellung im Hamburger Kunstverein beschränkt sich auf das Frühwerk (einen reichlich problematischen Überblick über seine späte Graphik gab im Vorjahr das Rauhe Haus in Hamburg), und es ist keine Frage, daß die Veranstalter und die Hamburger Sammler dem Künstler damit einen guten Dienst erwiesen haben, auch wenn er das nicht wahrhaben will. Vor allem seine Tierdarstellungen sind in der radikalen Reduzierung der natürlichen Erscheinung auf ihre plastische Urform frühe und geglückte Beispiele eines Stils, der erst nach Jahrzehnten Allgemeingut wurde. Die Oberflächen sind weich modelliert, in blanken, spiegelnden Wölbungen fließen die Teile ineinander. Aber bei aller technischen, manuellen Perfektion bleibt das Formale einem Geistigen untergeordnet. Und wenn seine Tiere mitunter an ägyptische Darstellungen erinnern, so hat das seinen Grund nicht in einer äußeren Anlehnung, sondern darin, daß Haizmann sie, ähnlich wie die alten Ägypter, als „heilige Tiere“ und göttliche Attribute auffaßt. Seine Katzen sind Symbole geschmeidiger Wachsamkeit, und jenen riesigen Bronzeadler, den er 1931 für das später von Barlach ausgeführte Hamburger Ehrenmal entworfen hatte, nennt er „Das Ich der Adler“. Etwas lodernd Ekstatisches klingt mit – die Dämonie des Magischen ist in Haizmanns Werk von Anfang an spürbar. Aber von der Magie ist es nur ein Schritt zu .unerträglichem Mystizismus und andererseits zum Kunstgewerbe. Manche der ausgestellten Zeichnungen, der Keramiken und Schmuckstücke scheinen den Weg anzudeuten, den der Künstler später in Niebüll gegangen ist.

Auch Gustav Heinrich Wolff war Autodidakt. Was er hinterließ und was jetzt zum erstenmal nach seinem Tode wieder an die Öffentlichkeit kommt, ist ein faszinierendes Fragment, „mit allen Fehlern der individuell anarchischen Leistung“, völlig ungleichwertig, zuweilen abstoßend und geschmacklos, niemals gleichgültig oder langweilig, mit hinreißenden Höhepunkten. Seine Tagebücher und Briefe enthüllen „die chaotischste Existenz, die dir je vorgekommen ist... Meine Mutter wurde auf den Erdboden gestreut in Edinbourgh, ebenso ich in Zittau (24. Mai 1886). Beidesmal waren die Eltern nur vorübergehend anwesend, landfremd. So heimatlos geboren, fühl ich mich auch, nirgends zu Hause ... Vertrieben von überall, bin ich in Berlin... Sicher soll ich hierbleiben. In Paris könnte ich höchstens eine geduldeter Gast sein, in Moskau ein überflüssiger...“ 1933, ein Jahr vor seinem Tode, als er krank und enttäuscht aus Leningrad zurückkommt, notiert er: „... allein mit seinem Schatten- und Spiegelbild-Hauch auf dem Wasser! Narziß zu bleiben, verurteilt.“

Wolff führte ein abenteuerlich bewegtes Leben, das ihn durch alle europäischen Großstädte und tief nach Afrika trieb. Er war mit politischen Revolutionären und mit Künstlern wie Gottfried Benn (von dem er 1927 ein großartiges Bildnis schuf) und Cocteau befreundet, er liebte Äschylos, James Joyce, Strawinskij, er schuf Holzschnitte zu griechischen Sagen und Gedichten von Rimbaud. Sein plastisches Werk ist vorwiegend in Berlin zwischen 1922 und 1934 entstanden. Es bewegt sich in Extremen, ist von Rodin, aber auch vom Kubismus und von afrikanischer Kunst beeinflußt. Sein Eigenstes liegt in einem Bemühen um strenge Tektonik, in der sich nicht Ruhe oder Geborgenheit, sondern mythische Panik ausspricht. Seine „Orpheus- und Eurydike“-Bronze: eine hochragende neben einer geborstenen Säule. Ein „Neger-Orpheus“, kein griechischer Sänger und keine sanfte Melodie des Abschieds, sondern verzweifelt bis in die wild verkrampften Fingerspitzen, gewalttätig und unerbittlich – das Bild endgültiger und unentrinnbarer Einsamkeit. Wegen dieses Orpheus, wegen des Benn-Porträts, des „Narziß“ und einiger anderer Figuren sollte das Werk von G. H. Wolff unvergessen bleiben. Gottfried Sello