Etliche Jahre haben vergehen müssen, ehe der letzte Weltkrieg literarisch überhaupt erfaßt, ehe eine Beurteilung aus der Distanz möglich werden konnte. Und die Nähe jenes Zeitgeschehens läßt manchmal glauben, daß ein echter Roman über den Krieg nur ein Roman gegen den Krieg sein kann. Der große Versuch war da Remarques „Im Westen nichts Neues“. Die Weiterentwicklung hieße: noch schärfere Zeichnung der Charaktere, noch rücksichtslosere Schilderung grausamen Geschehens und vor allem verstärkte Reflexionen zur Klärung der Hintergründe. Das wurde angestrebt in dem Werk von:

Willi Heinrich: „Der goldene Tisch.“ Stahlberg-Verlag, Karlsruhe; 525 S., 16,80 DM.

Sein Erstling hieß „Das Geduldige Fleisch“ und strafte jene Lügen, die da meinten, eine satte, wirtschaftswunderliche Leserschicht sei derart harten Mahnungen an die jüngere Vergangenheit nicht mehr geistig gewachsen. Sie ist es, wenigstens zum Teil, gerade jetzt, nachdem das Echo des Wahnsinns solange auf sich warten ließ. Gerade die Intensität macht bei Heinrich erstaunen, sein Geschick, ein Wirrwar von Handlungen in lauter unglaubliche Spannungsmomente aufzulösen und dabei noch die Hauptpersonen so darzustellen, daß man sich mit ihnen identifizieren möchte. Aus jedem Kapitel steigt einem Blut- und Brandgeruch empor. Die besondere Kunst aber zeigt sich erst in den düsteren Farben des kolossalen Schlachtgemäldes, in der glänzenden Akzentuierung der Befehlsmaschinerie, im Vermeiden eines Kameradschaftspathos, selbst in der drastischen Behandlung von Liebesthemen ... Im Raum von Kaschau – so erzählt Heinrich – irgendwo in der Slowakei, wird ein deutscher General von Partisanen gefangengenommen. Der stellvertretende Divisionskommandeur schickt aus persönlichen Gründen das Reservebataillon zur Suche aus. Da greifen die Russen an und es kommt zu einem entsetzlichen Kampf. Was hier in der schrecklichsten Form auf dem Papier erschlagen und aufgehängt wird, an Bauchschüssen oder Granatsplittern stirbt, mit zerfetzten Hirnschalen krepiert, wäre eine unglaubwürdige Orgie des Scheußlichen, wenn nicht die Historie für das Furchtbare dieser Wahrheit bürgte

Dazwischen kommen Atempausen in der Schilderung, die den Leser nachdenken lassen. Und dabei stellt sich heraus, daß der Autor in seinen Reflexionen maßgehalten hat. Bisweilen klingen zwar in den Gesprächen der Stabsoffiziere ein paar falsche Töne durch, aber es kommen dabei auch ein paar bemerkenswerte Zitate heraus, wie: „Die Welt ist schlecht geworden, seit die Menschen sich gegenseitig für das Gute umbringen, ohne sich vorher darüber geeinigt zu haben, was nun wirklich gut und was schlecht ist“ – oder: „Ihr soldatisches Gewissen diente ihnen nur noch dazu, den Selbstmord gesellschaftsfähig zu machen.“ Hier bedauert man die Kürze und Unvollkommenheit der Betrachtungen, wie auch gelegentlich die etwas aufgeputzten Gespräche der Landser, die trotz aller neuliterarischen Kraftausdrücke manchmal ihre intellektuelle Herkunft nicht verleugnet. Hätte Willi Heinrich sich entschlossen, anspruchsvoller zu kommentieren, so hätte er Furore machen können. So bleibt, was auch nicht wenig ist, eine gute Form für eine noch bessere Absicht, die den bleibenden Eindruck vermittelt: Wo Waffen sprechen, erzählen sie immer wieder Geschichten – Geschichten, deren sich die Menschheit nicht genug schämen kann! Ingolf Jungclaus