rt-Hamburg

Eine alte Frau, Einwohnerin einer Kleinstadt, hatte Geburtstag. Töchter und Enkel aus Hamburg waren dagewesen und eben mit dem Postbus wieder abgefahren. Als die alte Frau den Tisch abräumte und gerade daran dachte, daß es nun wieder still und langweilig im Hause sein würde, und als sie eben das Radio anstellen wollte, das täglich viele Stunden lang ihre Unterhaltung war, da klopfte es an die Haustür.

„Sind Sie Frau Anna Weber?“ fragte eine junge Dame, „und darf ich Sie wohl einen Augenblick sprechen?“ Die alte Frau nahm ihre Schürze ab und führte die Besucherin ins Zimmer.

„Sie sind gerade 75 Jahre alt geworden?“ „Jawohl“, sagte die alte Frau, „Sie kommen wohl vom Rathaus?“ Nein, antwortete die junge Dame, sie komme nicht vom Rathaus. „So, so, dann kommen Sie wohl vom Herrn Pastor?“

Aber vom Herrn Pastor kam die Dame auch nicht. Sie sei Studentin, berichtete sie und beabsichtige eine Dissertation zu schreiben, für die sie Angaben über das Leben älterer Menschen in der Kleinstadt benötige. Ob Frau Weber wohl bereit sei, ihr zu erzählen, wie sie ihre Zeit verbringe.

Frau Weber verstand so viel, daß, wie sie ihren Tag lebte, öffentlich bekanntwerden sollte. Da müßte man sehen, dachte sie, daß man einen guten Eindruck machte. Um keinen Preis würde sie sagen, daß sie gelegentlich nichts zu tun hatte, daß ihre Untermieterin den Haushalt erledigte und sie selber nur Radio hörte und täglich einen kleinen Spaziergang machte, um dann früh zu Bett zu gehen. Das zuzugeben wäre doch peinlich gewesen und außerdem auch gar nicht interessant. Und so begann sie denn, munter zu erzählen, wie sie nähe und koche, wie sie den Garten versorge und den Ofen heize, wie sie Gemüse und Obst pflücke und einmache, Wäsche ausbessere, Kleinholz hacke („– soso, auch das noch in ihrem Alter, wie erfreulich“, sagte die Studentin –) und vieles mehr. Kurzum, Frau Weber schilderte, wie sie gelebt hätte, wenn es ihr noch möglich und außerdem wirklich soviel Arbeit für sie vorhanden gewesen wäre.

Die Studentin war mit den Auskünften sehr zufrieden. Das konnte sie bei so lebendiger Schilderung so vielfältiger Tätigkeit auch wohl sein, fand Frau Weber. Es wurde alles sauber notiert. Für ihre Auskünfte, sagte die Studentin, bekomme Frau Weber vom Institut den Betrag von fünf Mark.