London, im April

Budget Day – der Tag, an dem der jährliche Haushaltsplan dem Parlament vorgelegt wird – ist in England so populär und aufregend wie Derby Day – der Tag des großen Pferderennens auf dem Rennbahn-Rummelplatz von Epsom. Seit Gladstone ist das so.

Vor Gladstone wirkten britische Finanzminister gelangweilt oder langweilig oder beides. Gladstone aber machte den Staatshaushalt zum Instrument einer Sozialgesetzgebung, die jeden einzelnen unmittelbar anging. Seine Nachfolger haben es dann ebenso gehalten. Gewiß werden heute viele wichtige Finanzentscheidungen ohne direkten Zusammenhang mit dem Budget getroffen, aber noch immer wartet jeder in England auf die Rede des Schatzkanzlers am Budget Day wie ein Angeklagter auf den Spruch seines Richters.

In diesem Jahr versprach alles ganz besonders dramatisch zu werden. Schließlich hatte die Konservative Partei gerade die schwersten Tage ihrer bisherigen Regierungsperiode hinter sich. Ein großer Streik war eher abgebrochen, als wirklich beigelegt worden. Dem Premierminister warf man vor, er habe England vollends zum Vasallen der Vereinigten Staaten gemacht. Lord Salisbury war zurückgetreten. Befragungen der öffentlichen Meinung hatten für jeden Tory-Kandidaten niederschmetternde Ergebnisse gezeigt. Am Budget – so hieß es – hängt jetzt das Schicksal der Konservativen Partei.

Wenn das so war, dann lag damit das Schicksal der Konservativen Partei in den Händen eines der jüngsten Finanzminister, den diese Partei in unserem Jahrhundert gehabt hat. Peter Thorneycroft ist erst 48, und bis vor wenigen Jahren hatte noch niemand, der sich nicht für innenpolitische Fragen ganz besonders interessierte, je von ihm gehört. In den letzten fünf Jahren erst hat dieser Außenseiter so viel Böden gewonnen, daß er jetzt – zusammen mit Premierminister Macmillan und Verteidigungsminister Duncan Sandys – jenem Triumvirat zuzuzählen ist, in dessen Händen die Führung der Konservativen Partei und damit der Regierungsgeschäfte liegt.

Mr. Butler lächelt sein etwas schmerzhaftes Lächeln – und steht abseits. Eden ist weg. Lord Salisbury ist ausgeschieden. Außenminister Selwyn Lloyd macht keinen starken Eindruck. Übrigbleiben die Großen Drei – ein konservatives Führungs-Triumvirat von drei Männern, die manches gemeinsam haben: Härte, politisches Fingerspitzengefühl, Mut, Selbstvertrauen und eine gewisse Rücksichtslosigkeit; dazu eine ganz unorthodoxe, ja; unenglische Neigung, Tüchtigkeit und Leistung höher zu bewerten als Takt, Umgangsformen und parteipolitische Bindungen.

Ihre Vorgänger an der Spitze der Konservativen Partei – Churchill, Eden, Salisbury – kamen alle aus alten aristokratischen Familien. Gewiß gehören auch die neuen Männer noch zur Aristokratie in einem weiteren Sinne, also zur „Oberklasse“. Aber man braucht in ihrer Familiengeschichte nicht weit zurückzugehen, um Kaufleute und kleinere Grundbesitzer als Vorfahren zu finden, die sich durch Anstrengungen und Geschäftstüchtigkeit in diese Oberklasse emporgearbeitet haben.