Es scheint, daß viele ehemaligen Soldaten finden, was sie bewegt, sei in der „Deutschen Soldaten-Zeitung“, die in München-Lochhausen erscheint, ausgedrückt. Sonst wäre es wohl kaum erklärlich, daß die „Traditionsverbände“ hier ihre Nachrichten über Versammlungen und Treffen veröffentlichen, eine Sparte, die dem monatlich erscheinenden Blatt etwas Offiziöses gibt. Um so mehr überrascht die Lektüre, die den Leser fragen läßt: Sind Soldaten – oder wenigstens ehemalige Soldaten – wirklich so?

Da ist in der April-Ausgabe eine Notiz, die behauptet, in der Truppe (womit doch wohl nur die Bundeswehr gemeint sein kann) werde „mit Befremden“ vermerkt, „daß noch immer keine Lösung der Ordensfrage erfolgt“ sei. Welche Sorgen! Und welcher Rat, den die „Soldaten-Zeitung“ bereithält: Man solle es „den Besitzern der Originalehrenzeichen nicht zumuten, sie in anderer Form zu tragen, als sie verliehen wurden“. Also: Erhaltet die Hakenkreuze – diese Bitte ist doch wohl der Sinn des Ratschlages. „Sollte dem Wunsch der Ordensträger nicht entsprochen werden“, so fügt das Blatt hinzu, „so will ein Teil der Offiziere und Unteroffiziere ganz auf das Tragen von Auszeichnungen verzichten.“ Ein Satz, den man mit dem Seufzer „Na, wenn schon“, abtun könnte, wären da nicht noch andere Aufsätze, die zu des Soldaten Herz sprechen sollen.

Es geht noch an, daß der 225. Geburtstag Haydns gefeiert wird, weil es sich immerhin um „den Schöpfer der deutschen Nationalhymne“ handelt. Aber geht es an, daß die „Soldaten-Zeitung“ den französischen Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“, dessen Wahrheitswert sie ausdrücklich hervorhebt, zum Anlaß nimmt, auf die „KZ’s“ der Franzosen und die „Hungerlager“ der Amerikaner zu verweisen? „Schweigen wir von Folterungen und Grausamkeit an deutschen Soldaten“, so deutet das Blatt es „schweigsam“ am und greift damit nach dem Rezept, daß die Erinnerung an die eigenen Sünden leicht zu ertragen ist, wenn man auch die anderen Völker sündigen sieht.

Feine Methoden das! Danach darf man dann wohl auf den Sinn einer anderen Veröffentlichung schließen: Sie besteht ganz einfach aus der Liste der Mitgliedernamen einer Anzahl von Schriftstellern und Journalisten, die sich zu einem „Klub republikanischer Publizisten“ zusammengeschlossen haben, der mit dem Grünwalder Kreis eng zusammenarbeite und von denen es heißt, ein „Großteil ist an der ,Meinungsbildung‘ unserer Zeit in Presse,. Verlag und Rundfunk verantwortlich beteiligt“. Dazu der Hinweis, man werde „alte Freunde“ finden, Freunde in Anführungszeichen, wohlverstanden. Ist diese Methode, die nach „Schwarzer Liste“ aussieht, noch Soldatenart? Dann spürt man Lust, niemals mehr zu sagen, daß man selbst Soldat gewesen, wenn auch „nur“ in Kriegsläuften, und fühlt sich im persönlichen Entschluß bestärkt, nie mehr seine Frontauszeichnungen zu tragen, weder „Original-Ehrenzeichen“ noch ihre demokratischen Varianten. Durch solche Lektüre vorbereitet, macht man sich an den Artikel, auf den man durch Notizen in manchen Tageszeitungen bereits neugierig gemacht wurde: „Wem die Stunde schlägt“. Der Untertitel verspricht gewissen Aufschluß: „Die DSZ sprach mit Frontaffizieren über ein heikles Thema“. Und dannkommt‘s heraus: Das heikle Thema heißt Oberst Graf Baudissin, heißt „Innere Führung“ der Bundeswehr, Erziehung.

Sollte es wahr sein, was die „Soldaten-Zeitung“ behauptet: Daß nämlich die „Frontoffiziere in der Truppe“ es als eine „Zumutung betrachten“, dann bliebe allein der Schluß, daß die falschen Offiziere zur Bundeswehr einberufen wurden.

Wie man weiß, ist das Amt, das Oberst Graf Baudissin im Verteidigungsministerium verwaltet, ganz einfach dadurch weithin in der Öffentlichkeit bekanntgeworden, daß seine Aufgabe von besonderem öffentlichen Interesse ist. Uns scheint in der Tat, daß es in Friedenszeiten – und den Frieden hoffen wir ja als Dauerzustand zu erhalten – das wichtigste Amt innerhalb der Bundeswehr ist: Gibt es doch die Richtlinien und führt es doch die Aufsicht darüber, wie die Erziehung der Rekruten am besten zu gestalten sei, damit die jungen Soldaten Glieder unseres Staasgefüges bleiben, oder werden.

Mag der Begriff „Bürger in Uniform“ auch ein Schlagwort geworden sein und daher allzu allgemein formuliert erscheinen, als daß es die genauen Konturen des demokratischen Soldaten erkennen ließe, so läßt es doch ungefähr erkennen, was das Ziel der soldatischen Ausbildung von heute ist. Ja, auch die Erziehungswege dazu deuten sich bereits an: Weg mit dem „Drill“, Respekt vor der Person selbst des Rekruten! Ob man ohne das „08/15“-Schema in der Soldatenausbildung auskommt, das bewegt die Öffentlichkeit so sehr, daß die Optimisten, die „Möglich ist alles“ sagen, in leidenschaftlicher Diskussion stehen mit den Pessimisten, denen die Erinnerungen an ihre eigenen Rekrutenerlebnisse noch so sehr in den Gliedern stecken, daß sie fürchten: „Wächst der ‚Kommiß‘, so wächst auch der ‚Kommiß-Kopp‘ nach.“ Daher hat die Aufgabe jenes Amtes das von Oberst Baudissin geführt wird eine, wenn auch stark umstrittene Popularität gewonnen.