Thüringische und hessische Landschaften sind wesentliche Stationen im Leben Goethes getreten. Um 1900 nahm der Jugendstil von Weimar und von Darmstadt seinen Ausgang. Und die Werkbundbewegung ist gesamtdeutsch bis auf den heutigen Tag geblieben... So geschichtsbezogener Art waren die freundlichen Worte, die man sich dieser Tage bei der Eröffnung einer kleinen Ausstellung in Darmstadt sagte. Es waren der Prinz Ludwig von Hessen, der Kultusminister des gleichen Landes, Arno Henning, und Professor Horst Michel, Leiter des Instituts für Innengestaltung an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar,

Ein Ost-West-Gespräch also auf der anmutigen Mathildenhöhe, ein Kunstgespräch über die deutschen Grenzen hinweg, ganz ohne Politik. Was gibt es auf dieser Ausstellung zu sehen? In zwei winzigen Räumen zeigt man Sitzmöbel, Fliesenkeramik, Teppiche, Möbelbeschläge, Spielzeug – kurz, Dinge des täglichen Gebrauchs. Die Musterstücke machen einen lobenswert neuzeitlichen Eindruck. Sie sind werkstoffgerecht, praktisch und schön. Aber keineswegs revolutionär. Niemand kommt heute mehr auf den Gedanken, Türklinken die Form von Nixen zu geben und Rehe auf Kachelöfen grasen zu lassen. Selbst in der kapitalistischen Welt sind Klubgarnituren komisch, man braucht deshalb noch kein Feind der Bourgeoisie zu sein.

Es heißt, daß persönliche Bande von Jugendzeiten her zwischen Veranstaltern und Ausstellern bestehen. Das ist schön. Wir freuen uns, Gläser aus Meißen und Holzpferdchen aus dem Erzgebirge zu sehen. Wir sind durchaus einverstanden mit dem Schlußsatz von Professor Michel im Prospekt der Ausstellung: „Unser Ziel ist es, zu erreichen, daß nur Gutes produziert wird, damit nichts Schlechtes mehr produziert werden kann.“ Aber wir wollen nicht so tun, als ob die Stalinallee nicht existiere und die offizielle Kunstpolitik der Zone sich vom Realismuskitsch inzwischen losgesagt habe, Sie konserviert im Gegenteil den bourgeoisen Geschmack in seiner provinziellsten Form. Wenn auf den Kachelfliesen des sympathischen Weimarer Professors keine Rehe mehr grasen, dann wollen wir für unsere Landsleute drüben froh sein. Nur haben wir den Eindruck, daß er als einsame Lilie auf klassischem Felde wächst. J. P.