Von E. Robert Singer

New York, im April

Aus den Ergebnissen limitierter Enqueten darf man keine weitreichenden Schlüsse ziehen. Die Bedeutung wirtschaftlicher Vorgänge, die nur beschränkte Auswirkungsmöglichkeiten haben, sollte man nicht überschätzen. Das gehört zu den elementaren Voraussetzungen allen Wirtschaftlichen Handelns – und gerade dagegen ist während der vergangenen Monate hier wiederholt verstoßen worden. Dabei ist die Haltung maßgebender Stellen der hiesigen Finanz- und Wirtschaftspolitik durchaus nicht ohne Einfluß gewesen.

Nun darf man daraus aber keinesfalls auf einen Mangel an wirtschaftlicher Einsicht schließen. Das Riesenausmaß des amerikanischen Wirtschaftsraumes mit seinen mannigfaltigen Produktions- und Absatzmöglichkeiten und mit den vielen neuen Erzeugnissen, die alljährlich an den Markt gelangen, bringt es mit sich, daß enttäuschende Entwicklungen selbst in führenden Industrien durch unvorhergesehene Erfolge auf ganz anderen Gebieten mehr als ausgeglichen werden können. Ein typisches Beispiel dafür bietet die Wirtschaft des ersten Halbjahrs 1956. Damals wuchs das Bruttosozialprodukt des Landes, obwohl der Absatz der großen Automobilindustrie erheblich zurückging, obwohl der Bau von Wohnhäusern nachließ und das Produktionsvolumen mehrerer anderer Industriezweige geringer wurde. Solche Entwicklungen sind auch trotz gründlicher Konjunkturbeobachtung nicht immer vorauszusehen.

In der repräsentativen Wirtschaftsveröffentlichung des Landes, den Monatsberichten der First National City Bank of New York, wurde das aus Anlaß der vorjährigen Entwicklungen mit hinreichender Klarheit ausgesprochen. Damals hieß es – im Novemberbericht der Bank –, daß die Fähigkeit der hiesigen Wirtschaft, solche Produktionsrückgänge in wichtigsten Industrien zu absorbieren, ohne daß es zu einer Schrumpfung des Wirtschaftsvolumens kam, doch bemerkenswert und ermutigend sei; sie wurde also sozusagen als ein neues wirtschaftliches Erlebnis charakterisiert, und es wäre gut gewesen, wenn man das nicht so schnell vergessen hätte; denn auch seither sind offenbar manche ähnliche Entwicklungen vor sich gegangen, die an recht einflußreichen Stellen nicht vorausgesehen worden sind.

Anfang des laufenden Jahres bestanden gewisse Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Präsidenten und seinen Beratern einerseits und dem Federal Reserve Board der Spitzenorganisation der Federal Reserve Banken, andererseits in Bezug auf die weitere Handhabung der Kreditpolitik. Im White Hause ebenso wie im Board war man sich der Inflationsgefahren bewußt, wie sie durch die allzuweit gegangenen Lohn- und Preiserhöhungen des vergangenen Jahres wieder hervorgerufen worden waren. Im White House aber war man für den Augenblick noch stärker von den Berichten über Produktionsrückgänge und unzureichenden Absatz beeindruckt, die aus wichtigen Industrien vorlagen, wie z. B. der Stahlindustrie, der Autoindustrie und der Textilindustrie. Man wollte daher keine weitere Verschärfung der an sich schon bestehenden Kreditrestriktionen, während man sie im Board bereits erwogen hatte Offenbar sahen die Männer des Federal Reserve Board in der starken Steigerung der Löhne und aller übrigen Betriebskosten, die nur zum Teil durch Preiserhöhungen paralysiert werden konnten, die dringendste Gefahr, weil die weitere Rentabilität aller Wirtschaftsbetriebe dadurch bedroh: wurde, und auch in der Wirtschaftspresse des Landes wurde die Möglichkeit einer unerträglichen Verringerung der Gewinnspanne der Unternehmungen in reichlich pessimistischen Formen diskutiert. Als dann im Februar bekannt wurde, daß die Abschlüsse von 60 großen Gesellschaften einen Rückgang der Gewinne von 7,5 v. H. im Jahre 1955 auf 6,3 v. H. ergaben, da kam es in großen Kreisen zu einer regelrechten Bestürzung. Es half wenig, daß man davor warnte, aus den verhältnismäßig kleinen Zahlen, die damals vorlagen, allzu weitgehende Folgerungen zu ziehen. Man nahm die Abschlüsse symptomatisch und erwartete ähnliche Ergebnisse für die Gesamtheit der Aktiengesellschaften.

An den Effektenbörsen waren die Aktienkurse seit Beginn des Jahres rückläufig. Man verwies zur Begründung dafür auf die unerfreulichen Berichte aus manchen Industriezweigen und auf die Unsicherheit bezüglich der weiteren Entwicklung der Geld- und Kreditpolitik des Landes; ausschlaggebend aber war ganz offensichtlich die Sorge um die weitere Rentabilität der Betriebe. Als bekannt wurde, daß die Baisseengagements an der New Yorker Börse, d. h. die Gesamtzahl der Aktienleerverkäufe, in der Zeit von Mitte Januar bis Mitte Februar d. J. um mehr als 25 v. H. zugenommen hätten, da wurde dies vor allem mit der Furcht vor einer ernsten Gefährdung der Rentabilität begründet. Diese Befürchtungen haben sich in der Zwischenzeit als reichlich übertrieben herausgestellt. Im Aprilbericht der First National City Bank of New York hat man die Geschäftsabschlüsse von etwa 90 v. H. aller Aktiengesellschaften des Landes unter verschiedenen Gesichtspunkten analysiert. Dabei wurde festgestellt, daß sie im letzten Jahr einen Reingewinn von insgesamt 19,2 Mrd. $ ausgewiesen haben, gegenüber 18,5 Mrd. $ im Jahre 1955. Bei allen Unterschieden im einzelnen sind die Gewinne also um 700 Mill. $ oder rund 4 v. H. gegenüber dem Vorjahr gestiegen, während sich aus den Abschlüssen der zunächst bekannt gewordenen 60 großen Gesellschaften ein Gewinnrückgang von 400 Mill. $ ergeben hat! Das Bild wird allerdings etwas ungünstiger, wenn man die Reingewinne zu den gestiegenen Umsätzen der Gesellschaften in Beziehung setzt: dann sind sie von 6,7 v. H. im Jahre 1955 auf 6 v. H. im letzten Jahre zurückgegangen. Das Ergebnis für 1956 zeigt also höhere Umsätze bei prozentual kleinerem Nutzen, was beides sich zusammen in einer vierprozentigen Steigerung des Nettogewinnes gegenüber dem Vorjahr auswirkte.